Diskussionsforum
Peddigrohr Alltagsrelevanzen
Registriert seit: 05.07.2007
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Ich arbeite mit Menschen mit mehrfacher Behinderung, die zusätzlich auch sehbehindert oder blind sind. Für einige war es eine positive Herausforderung, sich mit Peddigrohr eine neue Handwerkstechnik zu erarbeiten. Es ist leichter, eine Korrektur bei einer komplexen neuen Tätigkeit anzunehmen, als bei bekannten Tätigkeiten, die man ja „normalerweise“ können muss - vielleicht vor Eintritt der Behinderung auch konnte. Das ist auch ein Aspekt von „alten Handwerkstechniken“, wo ja auch angehende oder bereits erfahrene Ergos die Erfahrung machen, dass es nicht so einfach ist, ein gut gelungenes Produkt auf Anhieb hinzubekommen. Da darf auch der Klient mal mitbekommen, dass der/die Ergotherapeut/in auch Fehler macht, die korrigiert werden müssen, weil die handwerkliche Technik sonst nicht funktioniert. WENN dann die Hürden überwunden sind und am Ende ein ordentliches Ergebnis fertig geworden ist - sei es auch noch so simpel wie eine Rassel oder Topfuntersetzer (muss ja nicht gleich ein toller Korb mit Muster sein), macht das oft etwas mit dem Selbstbewusstsein und die Vielzahl an sensorischen, motorischen und geistigen Fähigkeiten, die gleichzeitig beübt wurden, können unbewusst verbessert werden. Nach meiner Erfahrung steckt im Erlernen jeder handwerklichen oder anderen Kulturtechnik eine Vielzahl von Schätzen fürs Selbstbewusstsein verborgen. Wie schön ist es, gemeinsam diese Schätze zu bergen und sich daran zu freuen!
Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich aus nach dem Ziel meiner Berufung.
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Registriert seit: 13.03.2011
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Wenn ich mir die letzten Posts so durchlese, wünsche ich einen " Gefällt mir " - Bottom. Ich finde es tatsächlich schade, dass inzwischen so sehr auf dem Handwerk rumgehackt wird. Natürlich ist es nicht alles, und holt bei weitem nicht jeden Patienten ab. Dennoch hat es seine Berechtigung. Und manchmal ist Alltagsrelevanz nicht direkt zu erkennen, manchmal muss man einfach um die Ecke denken (oder auch mehrere). LG Salu
Liebe ist, dem Geliebten zu geben, was er braucht. Der Geliebte wird dir geben, was du brauchst, wenn du die Erwartung aufgibst, etwas zu bekommen. [Anita Balser]
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Registriert seit: 11.06.2024
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Geändert am 25.12.2024 21:36:00
Es ist unbenommen, dass handwerkliches Arbeiten zu kurzfristigen positiven Auswirkungen auf das mentale Empfinden der PatientInnen führen kann. Gerade in akuten Phasen kann es helfen Selbstwirksamkeit und Freude am Tun zu erfahren. Jetzt das große Aber: Dies (z.B. einen Peddigrohrkorb flechten) hat einfach wenig bis keine Auswirkungen auf die zweite, dritte, vierte Woche nach dem Klinikaufenthalt. Was den Transfer in den Alltag angeht ist der Kontext enorm ausschlaggebend. Umso näher die Maßnahme am Alltag der PatientInnen ist, desto eher besteht die Chance, dass ein wirklich nachhaltiger Therapieerfolg erzielt wird. Man schaue sich die Lerntheorien an. Es hat einen guten Grund, wieso der betätigungsorientierte Ansatz den funktionsorientierten Ansatz der Ergotherapie in so gut wie allen Ländern schon sehr lange abgelöst hat (die angelsächsischen oder skandinavischen Länder sind uns da sogar mehrere Jahrzehnte voraus). Wir hängen immer noch an der biomedizinischen Sichtweise, die oft allein das kranke Individuum betrachtet. Wenn wir ErgotherapeutInnen auch in Zukunft ernst genommen werden wollen, heißt es Gas geben und aufholen. Wie gesagt, das Handwerk kann seine Berechtigung haben. Aber schaut man mal aus seinem deutschen Horizont heraus, ist Ergotherapie einfach viel viel mehr und meiner Meinung nach auch so viel interessanter. Es können sich einem Welten eröffnen, setzt man seine Segel konsequent in Richtung bedeutungsvoller Betätigung. Zumindest ging es mir so und ich konnte meine Identität als ET so erst wirklich finden.
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Registriert seit: 10.02.2005
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@RobPlant "Dies (z.B. einen Peddigrohrkorb flechten) hat einfach wenig bis keine Auswirkungen auf die zweite, dritte, vierte Woche nach dem Klinikaufenthalt. " Ich arbeite in einer Praxis. Dort kommen Patienten, die die 4 Wochen nach Klinikaufenthalt deutlich überschritten haben. Daher kann ich diese Aussage nicht nachvollziehen bzw. würde mich über Belege freuen. Um es nochmal klarzustellen: Handwerkstechniken nutzen UND mit modernen Ansätzen in die Zukunft schauen, schließt sich keinesfalls aus. Ich kann diese Entweder/Oder-Einstellung nicht nachvollziehen. Gruß, Karsten
R46.2 – und Spaß dabei!
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Registriert seit: 11.06.2024
Beiträge: 8
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@KW Naja, wieso kommen die Patienten denn nach deutlich mehr als 4 Wochen nach Klinikaufenthalt in die Praxis? Es geht beim betätigungsorientierten Ansatz ja eben darum, dass die Anliegen so bearbeitet wurden, dass man eben nicht mehr in die ET-Behandlung muss, sondern es möglichst zufriedenstellend selbstständig hinbekommt (oder an einem neuen Betätigungsziel arbeitet). Oder da es um das Peddigrohr geht...welche weiteren Anliegen haben denn die Patienten, dass sie mit Flechten noch nach mehreren Wochen nach Klinikentlassung behandelt werden müssen? Entweder/Oder ist ebenfalls nicht meins. Höchstmögliche Effizienz für PatientInnen und der Kostenfaktor für's Gesundheitssystem dagegen schon.
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Registriert seit: 13.03.2011
Beiträge: 230
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Dir ist schon bewusst, dass Therapie keinesfalls "schnell" ist? Heilung und Genesung brauchen auch Zeit. Und je nach Schwere der Erkrankung/ Einschränkung mehr oder weniger davon. Effizienz ist natürlich wichtig. Aber egal wie effizient wir arbeiten, die Genesung der Patienten braucht Zeit. Und manchmal können wir auch nur den Fortschritt verlangsamen...und das allein ist schon Grund genug, dass Patienten auch 4 Wochen nach Klinikaufenthalt weiter in eine Praxis gehen. Ich bin keinesfalls ein Verfechter von "alles ist mit Handwerk/ Korb flechten" zu behandeln. Aber ich bin überzeugt, dass diese Mittel ihre Berechtigung haben, je nachdem worin die Ziele meines Patienten bestehen und wo ich arbeite. LG Salu
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Registriert seit: 11.06.2024
Beiträge: 8
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Ich glaube, dass hier ein Missverständnis zugrunde liegt. Mit vier Wochen nach Klinikaufenthalt meine ich den Effekt, der nach dieser Zeitspanne OHNE Interventionen übriggeblieben ist. Das, was der Patient in seinem Alltag letztlich ohne weitere therapeutische Begleitung anwenden kann. Da sehe ich den betätigungsorientierten Ansatz als eindeutig nachhaltiger an. LG
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Registriert seit: 13.03.2011
Beiträge: 230
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Ok, das verändert den Sachverhalt. Allerdings würde ich persönlich, je nach Fachbereich, sowieso eher mehr oder weniger Handwerk anbieten. Im Moment arbeite ich in einer psychiatrischen Tagesklinik, und dabei nutze ich, neben anderen Aufgaben, gern und recht viel Handwerk. Allerdings erkläre ich den Patienten auch am Anfang ganz klar, dass es nicht darum geht dass sie bei mir lernen wie man einen Korb flicht oder ähnliches. Es geht auch nicht darum, dass sie ganz tolle Werkstücke mitnehmen können, das ist eher ein netter Nebeneffekt. Sondern dass sie mit Hilfe der Handwerke sich selbst kennen lernen und beobachten sollen/ können. Reflektieren ( mit meiner Unterstützung), wann bzw. wobei sie an Grenzen stoßen und ob sie das eintretende Gefühl aus ihrem Alltag vielleicht kennen. Zu überlegen, wie sie bisher mit Grenzen umgegangen sind, wie sie vielleicht zukünftig damit umgehen möchten und dies im Handwerk zu probieren. Aber auch zu spüren, was ihnen gut tut, und dies zu genießen. Kraft zu tanken. Vielleicht sogar eine neue Ressource für zu Hause zu entdecken. Natürlich ist Handwerk nicht mein einziges Mittel in der Therapie, aber ein wichtiges, welches die meisten Patienten auch intensiv nutzen und einfordern. LG Salu
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Registriert seit: 11.06.2024
Beiträge: 8
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Zitat / saluki hat geschrieben:... dass sie mit Hilfe der Handwerke sich selbst kennen lernen und beobachten sollen/ können. Reflektieren ( mit meiner Unterstützung), wann bzw. wobei sie an Grenzen stoßen und ob sie das eintretende Gefühl aus ihrem Alltag vielleicht kennen. Zu überlegen, wie sie bisher mit Grenzen umgegangen sind, wie sie vielleicht zukünftig damit umgehen möchten und dies im Handwerk zu probieren.
Die Intention dahinter kann ich nachvollziehen. Was sich mir jedoch nicht erschließt ist, wieso ich das Handwerk sozusagen "dazwischenschalten" muss, wenn ich auch einfach möglichst direkt an der Betätigung arbeiten kann... Bei welchen Betätigungen des Alltags erfahre ich meine Grenzen? Das kann ich doch mit dem COPM wunderbar erfragen, ohne dass ich auf das Handwerk als "Einstieg" rekurrieren muss. Dann kann ich die Betätigung beobachten oder sie mir möglichst detailliert beschreiben lassen, wenn ein direktes Beobachten nicht möglich ist und daraufhin doch auch gleich direkt an der Betätigung mit allem, was dazugehört, ansetzen (das OTIPM z.B. eignet sich einfach super als detailliert beschriebenes Prozessmodell). Das ich mich dann als Patient über das Handwerk dahingehend ausprobieren soll, wirkt auf mich unnötig verkompliziert, abstrakt und zu weit weg von der eigentlichen Sache, wenn ich doch auch ganz einfach den direkten Weg wählen könnte. Wir haben als Ergos die Einbettung in theoretische Modelle mit Assessments, Prozessmodellen etc. Das wurde alles die letzten Jahrzehnte mühsam erarbeitet. Wieso denn unnötig weitläufige Wege gehen, nur um das Handwerk irgendwie mit drin zu haben? Handwerk um sich selbst ein bisschen besser kennenzulernen, Kraft zu tanken, eben das, was du beschrieben hast...wie gesagt, diesen Nutzen will ich per se ja auch gar nicht weiter infrage stellen.  LG
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Registriert seit: 10.02.2005
Bundesland: Niedersachsen Beiträge: 706
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@RobPlant: Ich verstehe Deine Argumentation sehr gut und gehe da auch größtenteils konform. Wie in einem früheren Beitrag erwähnt, nutze ich Peddigrohr sehr selten. Aber wenn ich es nutze, sehe ich, wie es, in seiner Kombination aus Anforderungen an die Feinmotorik, an die Arbeitsorganisation, an die Fähigkeit, neue Ressourcen zu entwickeln und eben diesem meditativen repetitiven Tätigkeitseffekt, manchen Patienten dabei hilft, eben durch diese Anforderungen zu lernen. Dadurch lernen sie natürlich nicht, sich die Schuhe zuzubinden oder einen Reissverschluss zu benutzen etc. Nichtsdestotrotz findet ein Transfer in den Alltag statt, der manche Patienten befähigt, ihren Alltag besser zu meistern, und zwar auf vielen verschiedenen Ebenen, sowohl kognitiv als auch motorisch und teilweise auch emotional. Das lässt sich nicht auf alle Patienten verallgemeinern, nichtsdestotrotz sehe ich auch eine Berechtigung in der Tätigkeit mit Peddigrohr oder anderen Handwerkstechniken, bei Erwachsenen wie auch bei Kindern. Und keinesfalls sollten darüberhinaus evidenzbasierte alltagsbezogene Behandlungsansätze vernachlässigt werden. Das war jetzt mein persönliches Schlusswort zu dem Thema. Kommt gut ins neue Jahr! Karsten
R46.2 – und Spaß dabei!
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