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Sinn und Zweck unseres Berufes?

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13. Februar 2017 18:50 # 16
aloatal
Registriert seit: 19.06.2004
Beiträge: 40

Geändert am 13.02.2017 19:04:00
Hallo,

zu 1. Wenn Du betätigungsorientiert arbeitest, heißt es nicht, dass Du Funktion und Struktur außer Acht lässt. Zur ICF gehören auch diese Ebene. Zu Recht. Seinen Pullover selbständig anziehen zu können , beinhaltet gewisse funktionelle Voraussetzunge. Ergibt die Analyse, dass ein gezieltes Training einzelner Funktionen erfolgversprechend ist, bezieht man dies mit ein. Hier hilft ein gutes CR, sich nicht im funktionellen Training zu verlieren, sondern immer die Betätigung im Fokus zu behalten.
Klienten, die eine Diagnose haben, aber keine daraus resultierenden Einschränkungen in der Teilhabe, benötigen streng genommen keine Ergotherapie. Geht es nur um funktionelle Verbesserungen, sind Physiotherapeuten tatsächlich die richtigen Ansprechpartner. Ein frisch operierter Handklient, hat mit Sicherheit Einschränkungen in der Teilhabe, die durch die funktionellen Störungen entstehen. Hier kannst Du natürlich mit dem COPM arbeiten. Wie schon oben erklärt, führst Du die Analyse durch, um die funktionellen und strukturellen Anteile mit in Deine therapeutischen Überlegungen einzubinden. Es gibt aber bestimmt auch Klienten, da wirst Du nicht unbedingt an der Verbesserung der Funktion arbeiten müssen, um Teilhabe zu ermöglichen.

zu 2. Ich gebe Dir Recht, dass Tests mitunter nur Funktionen messen. Tatsächlich nutze ich sehr selten Tests in der Behandlung. Tatsache ist aber, dass unser Gesundheitssystem gerne auf Tests zurückgreift, um einen Therapiebedarf festzustellen. Dem müssen wir uns natürlich auch anpassen. Hier können Tests uns dabei helfen, den Nutzen unserer therapeutischen Intervention in Zahlen darzustellen. Per Video kann ich dann auch Veränderungen in der Ausführung eines Subtests darstellen.

zu 3. Das ist wirklich schwierig und kenne es von meinen Ärzten so nicht. Jedoch habe ich hier in der Region viel aufgeklärt und über das Kerngeschäft der Ergotherapie berichtet. Meine Berichte sind so strukturiert und zeigen deutlich den betätigungsorientierten Ansatz. Wenn ein Arzt aber eine konkrete Vorgehensweise wünscht, dann suche ich in der Regel das Gespräch. Eventuell gibt es dann einen neuen Weg.

zu 4. Siehe 1.

zu 5. Der Physio macht dies, um die Funktion zu ermöglichen. Manche Physios fragen natürlich auch nach dem Alltag. Aber es gibt Funktionen, die ich nicht mehr "normalisieren" kann. Dann höre ich als Ergo auf und schaue, wie ich mit den Bedingungen den Klienten unterstützen kann, dennoch die gewünschte Betätigung auszuführen.

zu 6. Siehe die anderen Punkte.

zu 7. Ein Klient darf natürlich auch immer wieder zu uns kommen. Immer dann, wenn neue Betätigungsanliegen entstehen.

zu 8. Fiktive Beispiele könnte ich bringen. Jedoch muss ich jetzt noch die Abrechnung machen und bin etwas müde. Vielleicht morgen ;-).

Beste Grüße
13. Februar 2017 18:58 # 17
ceilidh
Registriert seit: 03.07.2007
Beiträge: 490

zu 3) Ich hatte von einem Arzt den Auftrag ein bestimmtes Programm zu Zahlenmerkfähigkeit durchzuführen. Die Mutter konnte wählen zwischen Ergo und Neuropsychologie für ihr Kind. Sie hat sich für Ergo entschieden. Das Kind fand dann das Programm "blöd", die Mutter "es viel zu langsam" (hätte geschätzt 30 Einheiten gedauert). Also habe ich vorgeschlagen die Alltagsprobleme direkt zu lösen: d.h. Telefonnummern der Eltern merken, merken welche Nummer der Bus hat, der ihn nach Hause bringt. Wir haben das nach 2 Stunden erreicht. Danach waren die Ziele erreicht. Das Kind hatte sonst keine Alltagsprobleme und wenn das Kind ein Zahlengenie werden soll, dann soll das bitte ein Lerntherapeut machen. Er konnte sich 7 Zahlen merken- die Wissenschaft findet das reicht für ein Kind. Therapieende.

Bei Erwachsenen habe ich auch schon vorgeschlagen die Therapie einzustellen, wenn es kein Alltagsziel gibt. Einer war darüber sehr froh, da er seit Jahren durchgehend Therapie hatte. Er hat sich dann später mit Alltagszielen wieder gemeldet.

Jeder Mensch ist individuell. Also gibt es auch keine festgelegten Wege auf denen wir als Ergos navigieren. Meine Struktur sind der Ergoprozess, die Modelle, die Test um Veränderung zu sehen. Das schöne bei konkreten Alltagszielen ist es, dass sie superschön sichtbar sind: Ein Patient kann sein Essen selbst essen, kann selbst Radfahren, Klettern, Einkaufen,......alles was wir selbst tun.

Mit Handpatienten geht das auch. Einer hat gerne Trompete gespielt. Also war unser Ziel zu trainieren und zwischendrin zu schauen, wie weit es mit dem Trompete spielen schon geht. Nach 1 Jahr hat er es dann geschafft von 0 Kraft/Bewegung.
13. Februar 2017 19:15 # 18
tinawi
Registriert seit: 26.06.2005
Beiträge: 520

Super schön geschrieben Viktoria!

Das ist genau das! Wir haben keinen festgelegten Einheitsbrei als Ergos. Jede Therapiesituation ist individuell. Das macht es so spannend!
Christina


"Give a man a fish and he will eat for one day;
Teach a man to fish and he will eat for a lifetime..."
(Chinese Proverb)
13. Februar 2017 19:31 # 19
aloatal
Registriert seit: 19.06.2004
Beiträge: 40

Hier noch ein tolles Video unserer Arbeitsgruppe zum Thema Identifikationsproblem.

Link

Viel Spaß.
13. Februar 2017 19:47 # 20
gfds
gfds
Ehemaliges Mitglied
Beiträge: 5

Ich danke euch ganz herzlich. Ihr habt mir wirklich geholfen, da waren einige wichtige Aussagen dabei.
Schönen Abend!
13. Februar 2017 20:14 # 21
aloatal
Registriert seit: 19.06.2004
Beiträge: 40

Sehr gerne.
13. Februar 2017 23:17 # 22
nimis
Registriert seit: 29.09.2007
Beiträge: 719

Hallo gfds,
Was uns auszeichnet ist der Fokus auf die für diese Person sinnvolle Betätigung: ein Klient schafft es nicht, sich selber anzuziehen. Ist ihm aber egal - dabei kann ihm vorläufig seine Frau helfen. Die Gute weigert sich aber standhaft, ihn in seinem seit Jahrzehnten wichtigen Hobby zu unterstützen, und ihm die Würmer auf seine Angel zu spießen. Weil sie das eklig findet. Und er kann das nicht mehr selber.
Für mich heißt das, ein Rezept darauf zu verwenden, wie er eine Lösung für das Würmer-Problem findet - wie immer die aussieht... Und um das Anziehen kümmere ich mich dann, wenn da eine Lösung gebraucht wird weil die alte, vorläufige Lösung nicht mehr taugt. Und nicht mit einem "Dauerrezept".

Ein kurzer Versuch, die Sache auf einen Punkt zu bringen...
Gruß
nimis
23. Februar 2017 12:34 # 23
Gux
Registriert seit: 18.05.2004
Beiträge: 5

Hallo, Kukdiehe,
ich kann Deinen Ausführungen nur zustimmen, allerdings bei Deiner Ansicht über die Behandlung bei Demenzerkrankung stehen mir ein wenig die Haare zu Berge. Naürlich muss man bei Beginn einer Demenzerkrankung noch etwas über Hirnleistungstraining arbeiten, aber hier stehen vor allem die ADLs im Vordergrund. Dass man im späteren Stadium die Arbeit den Betreuungskräften überlassen sollte, finde ich fahrlässig. Gerade hier setzt die besondere Arbeit der Ergotherapie über Wahrnehmungsübungen usw. ein. Das bringt uns letztlich in dieser Arbeit auch Selbstbewußtsein für uns als Ergotherapeuten. Es ist leider so eine allgemeine Auffassung, dass uns als Ergotherapeuten die fortgeschrittene Demenz nichts mehr angeht.
Gugs
24. Februar 2017 15:23 # 24
Kukdiehe
Registriert seit: 18.10.2012
Beiträge: 1442

Geändert am 24.02.2017 19:48:00
Hallo Gux,

nur reines Hinleistungstraining mach ich auch selbst im Anfangsstadium nicht. Meistens geht es ja noch um das Thema Schlüssel verlegen oder sich nicht merken was man alles einkaufen soll/ möchte/ wollte. Mit diesem Klientel wird dann natürlich auch so Strategien entwickelt, wie sie eben nicht die Hälfte der Einkäufe vergessen oder eben nicht mehr den Schlüssel oder das Smartphone verlegen.
Gut mit Patienten im Endstadium habe ich eher wenig Erfahrung. Wobei ich finde man kann halt dann auch nicht mehr so viel machen, wenn sie wirklich schon sehr hochgradig dement sind und eben nicht mehr einfachste Sache können und dann wirklich nur noch 24 h Pflege am Tag benötigen. Wobei das Arbeiten mit schwerst betroffenen auch mir nicht so sehr liegt.
Wer kämpft kann verlieren. Wer nicht kämpft hat schon verloren.
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