Anzeigen:
Sie sind hier: Forum >> Ergotherapie-Forum >> Fachbereich Pädiatrie >> Keine Hausaufgaben erwünscht

Diskussionsforum

Keine Hausaufgaben erwünscht

Optionen:
1
8. Oktober 2019 20:24 # 1
Ergo1015
Registriert seit: 04.04.2018
Beiträge: 13

Hallo ihr Lieben,

ich habe einen 12- jährigen Klienten mit einer Mikrozephalie. Wir haben vor kurzem begonnen die Buchstaben zu lernen, da mir aufgefallen ist, dass er die Buchstaben zum Teil nicht kennt oder nicht richtig schreiben kann. Heute wollte ich ihm eine Hausaufgabe mitgeben. Ich habe ihm für jeden Tag in der Woche ein kleines Blatt erstellt, auf welchem er die Buchstaben A und B in einer Reihe aufschreiben sollte, um das gelernte bis zur nächsten Therapiestunde zu festigen. Mein Klient war von dieser Idee nicht sehr begeistert. Im Gespräch mit seinem Vater am Ende der Stunde, erzählte mir der Vater ebenfalls, dass die Hausaufgaben keine gute Idee seien. Er bittete mich keine Hausaufgaben mitzugeben, da es sonst zuhause eskalieren wird. Der kleine Mann würde unheimlich Theater machen, schreien und sich im Zimmer verkriechen. Darauf hat der Vater keine Lust und daher möchte auch er keine Hausaufgabe für seinen Sohn. Ich verstehe nun natürlich, dass der Vater die extreme Situation vermeiden möchte, allerdings finde ich es irgendwie nicht sinnvoll dem Sohn die Hausaufgaben zu ersparen. Er kommt nur einmal in der Woche zu mir und bis zur nächsten Woche ist das gelernte verflogen. Kann mir von euch jemand helfen was ich tun kann? Hattet ihr auch schon mal eine solche Situation? Ich meine mein Klient muss doch auch lernen, dass bestimmte Dinge gemacht werden müssen. Von der Schule bekommt er wohl auch keine Hausaufgaben mit, da der Vater auch die Lehrer gebeten hat dies zu unterlassen. Ich bin nun etwas ratlos. Habt ihr Vorschläge wie ich da vorgehen kann? ::confused::

Vielen Dank schonmal für eine Rückmeldung!::wink::
9. Oktober 2019 11:32 # 2
freckle
Registriert seit: 05.02.2007
Bundesland: Bayern
Beiträge: 872

Was wären denn die Ziele von Kind und Eltern?
Mir würden spontan andere Ziele einfallen, als die Buchstaben.
Wo liegen die Stärken und Schwächen des Kindes?
9. Oktober 2019 11:32 # 3
freckle
Registriert seit: 05.02.2007
Bundesland: Bayern
Beiträge: 872

Geändert am 09.10.2019 14:54:00
mal wieder doppelt
9. Oktober 2019 12:35 # 4
Motte123
Registriert seit: 09.02.2012
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Beiträge: 422

Leider ist es sehr oft so, dass Angehörige/Eltern ihre Leute zum Therapeuten schicken und sagen: "Mach mal!"

Diesen Zahn ziehe ich den Angehörigen direkt in der ersten Behandlung. Mitarbeit ist eine Voraussetzung um Ziele zu erreichen. Das heißt, dass Angehörige von mir als Therapeut mit EINGEBUNDEN werden. Dies ist Voraussetzung, gerade bei Klienten, die wenig soziale Kontakte haben.
Ob der Klient dann Theater macht, ist oft nur eine Gewöhnungssache. Ich würde mir mal das pädagogische Verhalten der Eltern anschauen. Lassen sie bei ihrem Kind alles durchgehen "da es ja krank ist"? Leider eine sehr häufige Verhaltensweise von Eltern. Und wir Therapeuten sollen dann den Zauberstab schwingen. ::thumbup::

Da unsere Therapieeinheiten nicht im Mindestmaß das abdecken, was bei vielen Klienten notwendig wäre, sind Hausaufgaben in meinen Augen IMMER nötig. Ich nenne das bei meinen älteren Klienten nur nicht so. Alles andere macht nur sehr wenig Sinn.
Sag Menschen nicht, wie sie Dinge tun sollen. Sag ihnen was zu tun ist, und sie werden dich mit ihrem Einfallsreichtum überraschen.
9. Oktober 2019 13:18 # 5
falladar
Registriert seit: 27.09.2004
Bundesland: Berlin
Beiträge: 1215

"ich habe einen 12- jährigen Klienten mit einer Mikrozephalie. Wir haben vor kurzem begonnen die Buchstaben zu lernen, da mir aufgefallen ist, dass er die Buchstaben zum Teil nicht kennt oder nicht richtig schreiben kann."

Er scheint auf eine Sonderschule zu gehen, welche Schulform ist es genau?
Ist er geistig behindert oder lernbehindert?
Ist er ein ausländisches Kind/Flüchtlingskind?
Was ist der Therapieauftrag des Arztes?
Was sind die Ziele der Eltern, bzw. des Kindes?
Was bezweckst du mit dem Erlernen der einzelnen Buchstaben? Er müßte jetzt ca. in der 6. Klasse sein und kann diese nicht. Welchen Hintergrund, außer der Diagnose Mikrozephalie, gibt es dafür?

Es ergeben sich eigentlich nur mehr Fragen statt Antworten. Wäre er ein normaler 12-jähriger an einer normalen Grund-/Haupt- oder Gesamtschule, dann wäre das Erlernen des ABC definitiv nicht sein aktuelles Problem und auch kein ergotherapeutischer sondern ein lerntherapeutischer Ansatz. Hast du bitte etwas mehr (Hintergrund-)Informationen für uns?

Liebe Motte123,
"Zauberstab" und "Zähne ziehen" überlassen wir bitte der Zahnfee. (sorry, konnte mich hier nicht zurückhalten) Das ist kein therapeutischer Auftrag.
Der Patient ist 12 Jahre alt. Da gibt es bestimmt noch ein paar Informationen die uns noch nicht bekannt sind, die ihn von einer normalen kognitiven, psychischen und sozialen Kindesentwicklung abweichen lassen.

LG falladar
"Der Eine hofft, dass die Zeit sich wandelt, der Andere nutzt die Zeit und handelt."
9. Oktober 2019 17:02 # 6
KW
Registriert seit: 10.02.2005
Bundesland: Niedersachsen
Beiträge: 468

Wenn ich mir den realen Alltag so mancher Patienten bzw. Eltern ansehe, verstehe ich sehr gut, dass Hausaufgaben unerwünscht sind. Berufstätigkeit und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen ist nicht immer leicht. Wenn dann noch "störende" Aspekte hinzukommen wie Hausaufgaben, kann der Haussegen schonmal deftig schief hängen. Deshalb finde ich pauschale Antworten immer ungünstig. Wenn der Vater meint, dass er das nicht hinkriegt, dann sollte man das respektieren, denn wir kennen seinen Alltag mit dem Kind nicht. Zähne brauchen dabei niemandem gezogen werden.

LG Karsten
R46.2 – und Spaß dabei!
9. Oktober 2019 19:54 # 7
Ergo1015
Registriert seit: 04.04.2018
Beiträge: 13

Vielen Dank erstmal für eure Rückmeldungen!::thumbup::

Ich habe mit dem Kind und dem Vater als nächste Ziele gesetzt, selbstsändig den Namen schreiben zu können und flüssiger lesen zu können.
Als Nahziel (oder Zwischenziell) steht nun das Erlernen/ die Festigung des ABC im Raum, um die Fernziele überhaupt erreichen zu können.

Allgemeine Zusatzinformationen: Die familiäre Situation ist sehr schwierig. Alleinerziehender Vater ( Frau ist früh gestorben), der Vater geht arbeiten, hat zuhause seinen Sohn (welcher ihn sehr provoziert). Der Sohn besucht zusätzlich einmal wöchentlich die Psychotherapie, Logopädie und bei mir die Ergotherapie. Er geht auf eine Förderschule für Lernbehinderung.
Leider lässt der Vater wirklich sehr viel durchgehen ( bzw. vor Ort in der Praxis, die häusliche Situation kann ich nicht beurteilen). Wenn der Sohn in der Praxis ein Fehlverhalten zeigt ( z.B einfach in andere Therapieräume gehen, obwohl dort Therapie ist, oder in der Praxis Unordnung machen, absichtlich Lärm machen...) dann gibt es keine Konsequenz. Der Vater sagt im ruhigen Ton, dass er das nicht dürfe, der Sohn lacht dabei und ist sich keiner Schuld bewusst.

Natürlcih verstehe ich, dass der Vater mit der Situation überfordert ist und weiteren unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen möchte. Aber ich bin nicht sicher, ob das eine gute Lösung ist, wenn ich das so hinnehme und akzeptiere.
10. Oktober 2019 10:19 # 8
freckle
Registriert seit: 05.02.2007
Bundesland: Bayern
Beiträge: 872

Sich mit Vater und den anderen Therapeuten zusammen setzen - oder telefonieren und realistische Ziele formulieren.
WÜNSCHEN kann man sich viel, aber das klingt nicht nach einem Ziel, das tatsächlich im Vordergrund steht.
10. Oktober 2019 12:14 # 9
KW
Registriert seit: 10.02.2005
Bundesland: Niedersachsen
Beiträge: 468

Zitat / freckle hat geschrieben:
Sich mit Vater und den anderen Therapeuten zusammen setzen - oder telefonieren und realistische Ziele formulieren.
WÜNSCHEN kann man sich viel, aber das klingt nicht nach einem Ziel, das tatsächlich im Vordergrund steht.


Klingt irgendwie gut. Aber mal ehrlich: Wenn ich mich für jeden Patienten mit den anderen Therapeuten zusammen setze und formuliere und diskutiere, wer bezahlt dann all die Theraoeuten, die da zusammen sitzen?
R46.2 – und Spaß dabei!
10. Oktober 2019 13:34 # 10
freckle
Registriert seit: 05.02.2007
Bundesland: Bayern
Beiträge: 872

Ja, stimmt. Aber so wie es gerade läuft, ist es unkoordiniert und kostet ne Menge Geld für nix.
Als Einheit abrechnen z.B.
10. Oktober 2019 16:56 # 11
siebert7
Registriert seit: 20.05.2005
Beiträge: 5

Scheint aus meiner Sicht ein interaktionelles Problem zwischen Vater und Sohn zu sein! Ich gebe keine Hausaufgaben mit, solange ich mir nicht angeschaut habe, wie die Eltern die Hausaufgaben mit ihren Kindern machen. Ein Kind, bei dem die Hausaufgabensituation eskaliert, kann auch unter Druck (was bleibt dem Vater anderes übrig) nicht lernen!
Schau dir mal in der Praxis an, wie der Vater mit dem Kind etwas macht!
Gruß
Sascha
10. Oktober 2019 18:09 # 12
Mietzi
Registriert seit: 03.01.2011
Beiträge: 316

Geändert am 10.10.2019 18:13:00
Also wie realistisch die Ziele genau sind, kann man so von außen ja schwer beurteilen, ohne das Kind zu kennen und auch ohne die komplette Situation zu kennen. Das muss nun die TE rausfinden.
Wenn ich Kinder hab, die beim Thema Hausaufgaben schon gleich so ::angry::::thumbdown:: schauen, nutze ich auch gerne Verstärkersysteme. Heißt Punktepläne, Aufkleber sammeln oder was auch immer und ab einer bestimmten Anzahl (am Anfang oft mit etwas weniger, wird dann oft gesteigert) können sie es eben gegen etwas einlösen: Griff in die Schatztruhe, In Absprache mit den Eltern persönliche Gutscheine (sowas wie Mama geht mit Kind ein Eis essen oder das Kind darf sich biem nächsten Einkauf was aussuchen, Eine Spielerunde nur mit Papa allein (ohne Geschwister), oder auch mal, das die Kinder ein Teil einer Einheit frei gestalten können und sich auch frei etwas aussuchen können.
Bisher habe ich damit nur positive Erfahrungen gemacht. Steigert du Motivation und die Kinder zeigen auch stolz ihre Hausaufgaben vor. Zu Hause haben die Eltern die Möglichkeit, das "Lockmittel" also einen Hausaufgabenpunkt oä zu bekommen, zu nutzen, um das Kind zu motivieren. Also sie können die Kinder an die Aufgabe erinnern und wenn es dann nicht will, nochmal erinnern, das es dafür ja auch etwas gibt. Die intrinsische Motivation, ist ja nicht immer ausreichend, auch wenn Ziele selbst gewählt sind. Besonders wenn es darum geht, das sie weiter weg sind und nicht sooo schnell erreicht werden können.
Ich muss noch sagen, das ich dieses Mittel allerdings eher bei jüngeren Kindern einsätze,´. Ältere Kinder hab ich nicht so viele und tlw bringen diese selbst die intrinische Motivation mit am Problem etwas zu ändern und solche verstärker sind nicht nötig.Ob das bei einem Pupertären Jungen (oder vorpupertär) klappt muss man wohl ausprobieren.
Wenn das Ziel so bestehen bleibt, da evtl realistisch aber mühsam, dann glaube ich nicht, das man es ohne Hausaufgaben hinkriegen wird und das ist eine Sache, die muss man den Vater auch erklären. Dann wird es verschwendete müh sein
10. Oktober 2019 22:42 # 13
xxu
Registriert seit: 12.09.2002
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Beiträge: 173

Hallo zusammen

Zitat / Ergo1015 hat geschrieben:
Ich habe mit dem Kind und dem Vater als nächste Ziele gesetzt, selbstsändig den Namen schreiben zu können und flüssiger lesen zu können.
Als Nahziel (oder Zwischenziell) steht nun das Erlernen/ die Festigung des ABC im Raum, um die Fernziele überhaupt erreichen zu können.


Ein Zwölfjähriger, der trotz Förderschule noch nicht seinen Namen schreiben kann, ist dort mit ziemlicher Sicherheit auch nicht am richtigen Platz. Den eigenen Namen schreiben kann ein Kind in der Regel mit fünf Jahren, es liegt also eine Entwicklungsretardierung um mehr als die Hälfte seines Lebensalters vor. Das entspricht einer geistigen Behinderung.

Ich würde dringend mit der Schule telefonieren und mit dem Vater reden. Umschulung??? Das Erlernen des ABC ist keine Krankenkassenleistung bei geistiger Behinderung. Ich wäre sehr froh, wenn ich nicht die einzige Ergotherapeutin wäre, die Kinder nach gründlicher Aufklärung des Umfeldes auch mal wieder wegschickt - zu geeigneten Stellen, die dem Kind wirklich weiterhelfen. Und nicht auf Krankenkassenkosten Aufgaben übernehme, die nicht im Heilmittelkatalog stehen. Welche Erfolgsaussichten hat dein Ziel "Namen schreiben lernen" in einer Therapiestunde wöchentlich, nachdem die Schulen das in 25 Wochenstunden innerhalb von sechs Jahren nicht geschafft haben::blink::?

Wenn es einen Auftrag gibt, der klientenzentriert, realistisch und betätigungszentriert ist - kein Problem, dann kannst du ergotherapeutisch behandeln. Aber den Namen schreiben lernen für einen 12-jährigen? Das ist nicht die Aufgabe von Ergotherapeuten. Psychotherapie läuft ja, dort sollte die Vater-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt stehen (einfach mal nachfragen, was dort gemacht wird, beim Vater oder Therapeuten?).

Das mit dem "runden Tisch" als Idee von freckle finde ich eine sehr gute Idee. Ich würde mir im Vorfeld einen Überblick über die Fähigkeiten meines Klienten verschaffen (Entwicklungstest?) und damit mit den anderen Therapeuten und dem Vater zusammen die weiteren Möglichkeiten besprechen. Abrechnen kannst du das über die Positition "Beratung zur Integration ins Häusliche und soziale Umfeld", bis zu drei Therapieeinheiten am Stück. Telefonate rechne ich ebenfalls als Beratung ab. Und Beratungsgespräche (Vater) sowieso.

Manchmal ist es gut, auch unsere Grenzen zu kennen - finde ich. Viel Erfolg!

xxu

Optionen:
1

Anzeige

Döpfer Schulen - Ergotherapeut/in Ausbildung und Studium

Diskussionsforum

Aktuelle Forenthemen

Buch-Tipp

Verlag Modernes Lernen GmbH & Co. KG, 2017

Marktplatz & Stellenbörse

EBBS

Neuigkeiten

Neuigkeiten

Veranstaltungskalender

Kommende Veranstaltungen

nach oben scrollen