Anzeigen:
Sie sind hier: Forum >> Ergotherapie-Forum >> Fachbereich Neurologie >> "unechtes" pushen

Diskussionsforum

"unechtes" pushen

Optionen:
1
18. Februar 2020 11:01 # 1
bloedixini
Registriert seit: 27.11.2019
Beiträge: 6

Geändert am 18.02.2020 11:05:00
Hallo ihr Lieben!

Ich arbeite in einem Kinderhospiz und bin so allmählich ratlos, was genau der eine Gast bei uns für ein Symptom hat und wie ich es mindern kann.
Natürlich, wie jeder weiß, geht es im Kinderhospiz um den Gedanken der Linderung und ich denke, dass ihn dieses Symptom sehr stört - -leider kann er sich nur über Mimik äußern und die sieht dabei sehr angespannt aus.

Nun zum Gast: Er ist 19 Jahre alt und hat unter der Geburt einen beträchtlichen Sauerstoffmangel erlitten. Dadurch ist er schwerstmehrfach Behindert, hat keinerlei ersichtliche Fähig-und Fertigkeiten um es mal grob zu sagen.
Die oberen Extremitäten sind zum Größteil so vom Tonus erhöht, dass er diese in Flexion hält. Entsprechende Kontrakturen bestehen. Er besitzt eine Baclofen-Pumpe. Eine starke Scoliose besteht außerdem.

Die fragwürdige Symptomatik besteht darin: Er -ich nenne es mal pusht- extrem nach links. Heißt, er dreht den Kopf mit solch Hypertonus nach links, dass das Gesicht fast nach hinten zeigt. Im Rolli überstreckt er zudem den Kopf nach hinten. Im Liegen kann er kaum gelagert werden, er drückt auch den Kopf bei linkslagerung in das Kissen.
Mal sind die oberen Extremitäten dabei sehr hyperton, mal aber entspannt.

Ich habe ihm schon tiefensensible, taktile, visuelle Reize gegeben. Ab und an hilft es, wenn ich das linke Auge abdecke, dann macht er den Kopf etwas zur Mitte. Aber das ist eher selten.

Habt ihr soetwas schonmal erlebt und habt eine Idee?

Danke euch!
27. Februar 2020 12:04 # 2
MoSa
Registriert seit: 09.08.2010
Beiträge: 47

Hallo liebe bloedixini!
Die Symptome, die du beschreibst kenne ich von Klienten nach schweren und schwersten Hirnschädigungen. Die Skoliose, der erhöhte Grundtonus und der Hypertonus in den oberen Extremitäten sprechen dafür, dass sein Nervensystem unter einem unglaublichen Stress steht.
Weißt du, ob dies schon immer so ist, oder sich erst kürzlich entwickelt hat? Gab es irgendwelche neurologischen Zwischenfälle in letzter Zeit?
Wie ist der Tonus in den unteren Extremitäten?
Wann wurde die Baclofen-Pumpe eingesetzt?

Eine Pusher-Symptomatik im klassischen Sinne (also mit einer subjektiv verschobenen Mittellinie), wird es nach deiner Beschreibung, wie du selbst ja auch sagst, wohl eher nicht sein. Das "Standard-"Pushen hättest du sicher auch mit guter Lagerung in den Griff bekommen.
Wenn Nerven zentral geschädigt werden (z.B. auch durch eine diffuse Schädigung wie bei einer Hypoxie) hat das immer Auswirkungen auf das gesamte System. Die geschädigten Hirnhäute beispielsweise vernarben und verkürzen dadurch, was die Gleitfähigkeit der Nervenzellen im ganzen Körper einschränkt. Diese "Verkürzung" führt natürlich zu massiven Einschränkungen der Beweglichkeit und im Verlauf zu Kontrakturen. Außerdem ist sein autonomes Nervensystem durch die "verdrehte Haltung" permanent unter Stress. Die Grenzstränge des Sympathikus z.B. verlaufen ventral der Wirbelsäule, wenn er also eine starke Lordose hat - wovon ich mal ausgehe - stehen sie permanent unter Spannung.
Gehen wir mal vom worst-case aus und der wäre, dass er - trotz Baclofen-Pumpe und wahrscheinlich Schmerz- und anderer Medikation - ziemlich fiese neuropathische Schmerzen hat. Und diese Schmerzen "zwingen" ihn in die blöde Haltung. Du hast ja sehr gut beobachtet, dass seine Mimik alles andere als entspannt aussieht.

Bleibt die Frage, was nun? Dein Ansatz, eine für ihn entspannte Lagerung zu finden, ist doch schon mal gut! Dabei würde ich darauf achten, seinen Körper niemals gegen den eigenen Widerstand (also z.B. den "Kopf gerade drehen" obwohl er gerade dagegen drückt) zu bewegen, wir sollten davon ausgehen, dass ihm das weh tut. Es gibt tolle Hands-on-Techniken, um das Nervensystem ein bisschen "runterzufahren". Aber ich traue mir nicht zu, dass hier schriftlich adäquat beschreiben zu können. ::blink:: Schick mir dazu bei Bedarf aber gerne eine PM
Vielleicht können dir die Angehörigen etwas darüber sagen, wobei er sich gerne entspannt? Vllt gibt es bestimmte Musik, Beleuchtung, Farben, Gesprächsthemen etc.
Wie wurde er denn bisher gelagert? Vielleicht wäre LiN-Lagerung eine Idee?
Propriozeptive Reize scheinen mir eine gute Idee, es wäre nur genau zu überlegen wie und wo. Ich bin persönlich kein großer Fan von Vibrax und Co. (und das ist sehr milde ausgedrückt), weil das sehr diffuse Reize sind, die auch schnell zu einer Überreizung führen können.

Abschließend möchte ich nochmal betonen, dass ich hier eine "Ferndiagnose" aufgestellt habe, und die immer unzureichend, unprofessionell und mit Vorsicht zu genießen sind ::wink::

Viele Grüße
Mosa
Optionen:
1

Anzeige

taf180.de: Onlineseminar - Online und telemedizinische Therapie. Grundlagen für den Therapiealltag

Diskussionsforum

Aktuelle Forenthemen

Marktplatz & Stellenbörse

Buch-Tipp

Georg Thieme Verlag KG, 2014

Neuigkeiten

Neuigkeiten
Existenzgründungsseminar

Veranstaltungskalender

Kommende Veranstaltungen
Zeit- und Selbstmanagement für Gesundheitsberufe
03.10.2020 - 04.10.2020 in Neckarsteinach
PNF-Intensivkurs für Ergotherapeuten
05.10.2020 - 10.10.2020 in Hilchenbach
Bobath-Aufbaukurs - Schwerbetroffene Patienten
15.06.2020 - 19.06.2020 in Hilchenbach
Kompaktmodul Dyskalkulie
19.09.2020 - 14.02.2021 in Neckarsteinach

nach oben scrollen