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Depressionen-Zielfindung

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25. Januar 2023 17:38 # 1
Registriert seit: 25.01.2023
Beiträge: 2

Hallo ::smile::

Ich mache gerade ein Praktikum in der Psychiatrie und stoße sehr an meine Grenzen was die Zielfindung und Sichtstundenplanung angeht..
Kurzübersicht meiner Patientin:
- Diagnose: mittelgradige depressive Episode
- 80 Jahre, 2 Kinder--> gutes Verhältnis
- kognitiv sehr fit
- keine körperlichen Einschränkungen
-selbständige versorgung
- Symptome: verminderter selbstwert, lustlosigkeit, mangelnder innerer Antrieb

Die Symptome haben vor ca. 1 Jahr mit dem Tod ihres Mannes begonnen. Die Patientin lebt alleine in einer Wohnung hat aber sehr viele gute Freunde, mit denen sie eigentlich viel unternimmt (wird aber weniger, da sie keine lust hat).
Die Ziele der Patientin sind wieder selbstbewusst zu werden und nicht mehr so traurig zu sein.
momentan flechtet sie einen korb.

Da bei ihr sozial, körperlich und kognitiv alles super ist, schränkt das die zielsetzung sehr ein..
Meine Gedanken:
Selbstwert: finde ich sehr schwierig als Ziel..ich könnte sie natürlich nach einer einheit benennen lassen was gut lief oder mich auf ein Erfolgserlebnis fokussieren aber wenn man am ende ehrlich ist, steigert das den Selbstwert eines depressiven Menschen auch nicht.
innere Antrieb: auch schwierig.. ich dachte mir ob da vllt eine klare tagesstruktur helfen würde? aber überzeugt bin ich selbst davon nicht, vorallem wie ich das mit einem Handwerk in Verbindung setzen soll..

ich denke ansonsten könnte ich noch auf den erhalt ihrer Fähigkeiten gehen,was aber meinen ansprüchen nicht gerecht wird, da sie ja eigentlich was ändern möchte..

habt ihr vllt noch tipps, in welche Richtung die Ziele gehen könnten?

Vielen lieben Dank, ich bin für jeden Gedankengang dankbar :)
25. Januar 2023 22:06 # 2
Registriert seit: 05.03.2008
Beiträge: 48

Hallo,

mein erster Gedanke ist: Wow, die Dame lebt mit 80 Jahren alleine, ist fit, und hat Freunde, das ist doch schon mal eine Leistung. Mein zweiter Gedanke: was sie schon alles erlebt haben muß... sie hat eine ordentliche Portion Lebenserfahrung, weitaus mehr als ich. Mein dritter: Sie hat ihren Mann verloren, nach - vermutlich- etlichen Ehejahren, da ist es doch kein Wunder, das sie traurig ist, im Gegenteil. Trauer darf man zulassen, und dass das Selbstwertgefühl im Keller ist, ist auch normal.
Ich würde herausfinden wollen, was sie früher gerne gemacht hat; was hat sie gearbeitet? Was ware ihre Hobbies? Wodrin war sie richtig gut? Gab es Hobbies, die sie mit ihrem Mann geteilt hat, die sie alleine fortführen könnte?
Wenn das nicht geht oder sie es nicht möchte, irgendwelche sonstigen Interessen / Hobbies, die sie auffrischen könnte? Finde es mit ihr heraus, dann findet sie auch genauere Ziele.

Und sozial ist bei ihr nicht alles super, wenn sie keine Lust hat, ihre Freunde zu treffen. Ich würde da genauer hingucken. Möchte sie ihre Bekannten denn gerne wieder öfter treffen? Wenn ja, was hindert sie daran?
Wie hat sie es früher geschafft, sich aufzuraffen?
Vielleicht kannst du mit ihr Handlungsschritte erarbeiten, wie es ihr gelingen könnte, auf Angebote ihres Freundeskreises einzugehen, oder selber Vorschläge zu machen.

Das war es so, was mir spontan einfällt. Viel Erfolg
et hätt noch immer jot jejange
26. Januar 2023 19:44 # 3
Registriert seit: 29.09.2007
Beiträge: 775

Hallo,
grundsätzlich kann ich mich den Überlegungen von lucia73 anschließen.

Nur eine Ergänzung:
Du darfst auch Deine Zweifel ernst nehmen: es könnte durchaus möglich sein, dass die Frau schlicht keine Ergotherapie braucht - aber eventuell etwas anderes...
Es gibt immer noch Kliniken, in denen Ergotherapie nach dem Gießkannenprinzip verordnet wird.

Gruß
nimis
26. Januar 2023 20:01 # 4
Registriert seit: 25.01.2023
Beiträge: 2

Vielen lieben Dank für die tollen Denkanstoße!

Ich werde mich mit ihr auf jeden Fall nochmal genauer Unterhalten, nur momentan liegt die ganze Station krank im Bett ::unsure::

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass sie einen grünen Star hat. Jedoch kann sie sogar ein Korb flechten, ich kann die Seheinschränkungen auf jeden Fall nicht bei ihr im Alltag beobachten.
Früher hat sie gerne Leichtathletik gemacht und gestrickt, das Stricken geht nicht mehr wegen dem grünen Star sagt sie.
Mir ist eingefallen, dass sie auch erwähnt hat, dass sie früher jeden Tag gekocht hat, als ihr Mann noch gelebt hat.

Jetzt dachte ich mir, ich könnte in der Sichtstunde mit ihr etwas kochen. Möglicherweise mit einem Stimmungsbarometer zu Beginn und zum Ende um zu sehen ob ihre Stimmung danach besser ist. Wenn ja kann sie dies ja fest in ihrer Tagesstruktur einplanen. Tagesstruktur ist ja auch bei Depressionen wichtig um nicht in das Grübeln zu kommen. Außerdem würde es ja zum Erhalt ihrer Selbständigkeit, was in ihrem Alter ja eine sehr große Ressource ist beitragen oder ?
Fernziel:
Frau X. baut Interessen/Aktivitäten, die ihre Stimmung verbessern, in ihre Tagesstruktur ein.

Nahziel
Frau X. probiert mindestens 1x/Woche eine neue Aktivität aus und bewertet ihre Stimmungsveränderung

Nahziel
Frau X. baut Aktivitäten, die ihr Freude bereiten, so in ihre Tagesstruktur ein, dass sie diese mindestens 1x/Woche zu einem festen Zeitpunkt macht.

Irgendwie so dachte ich mir..die ziele sind jetzt nur ein Prototyp, wirklich smart sind die noch nicht, das ist mir bewusst::biggrin::

Hoffentlich kann ich bald wieder mit ihr sprechen und es ergib sich ein 2. Ziel.
Ich danke euch sehr, manchmal führen Gedanken anderer sehr schnell ans Ziel ::smile::

Ich bin mir auch nicht sicher wie sinnvoll Ergotherapie bei ihr ist... In der Kinik bekommt einfach jeder Ergotherapie, genau wie du es sagst..
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