Folgende Situation kennen wir alle: In der Behandlung klappt vieles, aber im Übertrag nach Hause funktioniert es dann doch nicht mehr so, wie vorgesehen. Der Motivator (Therapeut*in) fehlt, der Ablauf wurde zur Hälfte vergessen oder es will einfach nicht funktionieren. Kurze Alltagsvideos, die Deine Klient*innen selbst in ihrem Alltag aufnehmen und mit Dir in der Sitzung ansehen, machen diese Faktoren für Dich sichtbar.
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Warum ein Video?
Betätigung entsteht im Zusammenspiel von Person, Aufgabe und Umgebung. Ein kurzes Video gibt Dir einen direkten Einblick in die Alltagssituation Deiner Klient*innen. Du siehst Wege und Umwege, Reihenfolgen und fehlende Struktur, kleine Unsicherheiten und überflüssige Handgriffe. Aus Bildern werden klare Hypothesen; aus Hypothesen werden Interventionen, die Du mit Deinen Klient*innen ausprobieren kannst. Manchmal entdecken auch Klient*innen selbst in der eigenen Betrachtung, was sie gerne verändern möchten.
So setzt Du es um
Am Anfang steht eine präzise Frage: Welche konkrete Alltagssituation soll wieder sicher gelingen und wo hakt es.
Daraus wird ein kleines Beobachtungsprojekt. Die Klientin/der Klient filmt eine möglichst natürliche Sequenz eben dieser Situation. Für eine gute Aufnahmequalität: Das Handy an einem vollen Glas, einem Bücherstapel o.ä. stabilisieren oder das Filmen einer Person im Haushalt überlassen; für ausreichende Beleuchtung und guten Fokus sorgen; dritte Personen im Bild vermeiden; nichts erzwingen!
Im nächsten Therapietermin schaut ihr das Video gemeinsam an, am besten mehrmals. Erst wirken lassen, dann sortieren: Was fällt auf? Welche Muster wiederholen sich? Wo seht ihr Unsicherheiten? Aber auch: Wo stecken Ressourcen? Du strukturierst entlang der Performanz und ergänzt Kontextfaktoren wie Materialordnung, Arbeitshöhen, Untergrund, Hilfestellungen, Licht oder Zeitdruck. Danach leitest Du konkrete Schritte ab, wie beispielsweise Greifzonen anpassen, Reihenfolge vereinfachen oder sinnvoll strukturieren, Hilfsmittel testen, kognitive Last reduzieren, Rollen klären. Den Erfolg machst Du messbar, zum Beispiel mit COPM. Ein kurzes Follow-up rundet den Prozess ab, gern mit einer weiteren Videosequenz ein paar Wochen später oder gezielten Fragen, wie z.B.: Was lief besser, wofür brauchen wir eine andere Strategie?
Ein Fallbeispiel
Herr K., 62, ist nach einer Hüft-OP wieder zu Hause. Er möchte Schuhe und Socken selbst anziehen, bricht den Versuch aber oft frustriert ab. Das Alltagsvideo zeigt: Er sitzt dabei auf dem Sofa, dieses scheint sehr weich und niedrig zu sein, er verliert mehrfach das Gleichgewicht. Er sucht zwischendurch nach dem Socken. Seine Frau stellt seine Schuhe dreimal an eine andere Stelle.
Auswertung aus der Videoanalyse
Ausgangslage und Bewegungen:
Durch die tiefe Sitzposition ist er bereits stark in der Hüftbeugung, der Sitz ist instabil, er trifft mit dem Socken erst nach mehreren Anläufen den Fuß.
Ablauf/Planung:
Die Reihenfolge ist sprunghaft, da das „Übungsmaterial“ und Hilfsmittel nicht vorbereitet sind.
Miteinander/Kommunikation:
Außerdem ist er ständig damit beschäftigt, seine Frau wegzuschicken, die ihm nach dem ersten Fehlversuch helfen möchte.
Interventionen / Veränderungen
Aktivität das nächste Mal auf einem festen Stuhl mit höherer Sitzfläche durchführen, Sockenanzieh-Hilfe und Schuhlöffel bereitlegen, Socken schon einzeln bereitlegen und Reihenfolge festlegen: erst beide Socken mit Hilfsmittel, dann Schuhe mit Schuhlöffel, Partnerin erhält klare Rolle „nur Material reichen, kein Eingreifen“ später „das Filmen übernehmen“.
Ergebnis
Eine Woche später zeigt die neue Aufnahme eine ruhige Handlungsabfolge ohne überflüssige Handgriffe. Der Wert für die Ausführung der Handlung (Performanz) „Socken/Schuhe selbst anziehen“ im COPM steigt von 4/10 auf 7/10; Herr K. berichtet mehr Sicherheit und weniger Schmerzen im Nachgang.
Datenschutz einfach gehalten
Bleibt das Video auf dem Smartphone der Klient*innen und Ihr seht es ausschließlich gemeinsam auf diesem Gerät, benötigst Du in der Regel keine zusätzliche Einwilligung. Sobald eine Kopie auf ein Institutionsgerät oder in eine Software übernommen wird oder wenn Du selbst mit einem Klinik- oder Praxisgerät filmst, benötigst Du eine schriftliche Einwilligung mit folgenden Mindestinhalten: Zweck, Speicherort und Dauer, wer Zugriff erhält, wie und wann gelöscht wird, sowie Widerrufsmöglichkeit. Bitte beachte zusätzlich die Vorgaben Deiner Einrichtung und nutze freigegebene Formulare aus Deiner Einrichtung dafür.
Fazit
Alltagsvideos holen den Kontext in den Fokus, sie lassen Dich eine Handlung unter natürlichen Bedingungen beobachten und machen Fortschritte sowohl für Dich als auch für Deine Klient*innen sichtbar.
Starte mit einer klaren Frage und einer kurzen Sequenz. Der Rest ergibt sich aus dem, was Ihr gemeinsam beobachtet.
Mini Checkliste für Deinen nächsten Einsatz
- Fragestellung in einem Satz festhalten: konkret und alltagsnah.
- Aufnahmeleitfaden mitgeben: eine Perspektive, alltägliche Situation, ggf. mit einer dritten Person, aber so natürlich wie möglich.
- Gemeinsame Sichtung planen und moderieren: Zuerst beobachten, dann besprechen. Gerne dürfen Klient*innen zuerst analysieren.
- Befunde entlang der Performanz dokumentieren, Kontextfaktoren ergänzen.
- Maßnahmen planen, Klient*innen dürfen dann wieder in ihrem Lebensumfeld testen.
- Outcome definieren und messen, zum Beispiel mit COPM. Eine erneute Aufnahme terminieren, um zu sehen, ob die festgelegten Maßnahmen erfolgreich sind. Beide Videos im Vergleich anzuschauen, um eine Entwicklung (vorher/ nachher) zu visualisieren.
- Wenn gespeichert wird: Einwilligung von Klient*innen einholen.
Text: Sabrina Heizmann, Institut Wissen (InWi)