Schwere psychische Erkrankungen wirken sich auf viele Bereiche im Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen aus. Neben medizinischen und psychotherapeutischen Ansätzen spielen deshalb für eine umfassende Behandlung auch psychosoziale Therapien eine zentrale Rolle. Welche Angebote helfen, für wen sie geeignet sind und wie sie im Versorgungsalltag umgesetzt werden können, fasst die überarbeitete, diagnoseübergreifende S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde zusammen.
Foto: © ergoXchange / @goodstudio via Canva.com
Ganzheitlich behandeln, Teilhabe ermöglichen
Die S3-Leitlinie macht deutlich: Bei schweren psychischen Erkrankungen geht es nicht nur darum, Symptome zu lindern. Ziel ist es, Menschen in ihrem Alltag zu stärken und ihnen neue Lebensperspektiven zu eröffnen. Dabei behalten Behandelnde immer den ganzen Menschen im Blick, einschließlich seiner Familie, seiner Arbeitssituation und seines sozialen Umfelds. Die Leitlinie unterstützt Fachkräfte dabei, passende psychosoziale Therapien gezielt auszuwählen.
Wen adressiert die Leitlinie?
Die Leitlinie richtet sich an Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, zum Beispiel bei Psychosen, bipolaren Erkrankungen, schweren Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen. Neu ist der diagnoseübergreifende Ansatz. Er bezieht auch Menschen in frühen Krankheitsphasen ein, wenn ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf besteht. So sollen langfristige Einschränkungen im Alltag, im Beruf und im sozialen Leben frühzeitig vermieden werden.
Gleichzeitig richtet sich die Leitlinie an alle Berufsgruppen, die an Behandlung, Rehabilitation und Teilhabe beteiligt sind, darunter auch Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten.
Recovery steht im Mittelpunkt
Ein zentraler Gedanke der Leitlinie ist der Recovery-Ansatz. Dabei geht es nicht um Heilung im medizinischen Sinn. Im Fokus stehen Selbstbestimmung, Lebensqualität, sozialer Anschluss und ein sinnvolles Leben, auch dann, wenn Symptome bestehen bleiben. Was Recovery konkret bedeutet, legen die Betroffenen selbst fest.
Um diese Perspektive abzubilden, waren Betroffene und Angehörige von Beginn an aktiv eingebunden. In einer trialogischen Arbeitsgruppe tauschten sie sich gemeinsam mit dem Autorenteam regelmäßig zu offenen Fragen, Ergebnissen und Empfehlungen aus. So flossen die Erfahrungen aus dem Alltag direkt in die Leitlinie ein.
Orientierung im Dschungel der Angebote
Psychosoziale Therapien sind vielfältig. Sie reichen von Ergotherapie, künstlerischen und bewegungstherapeutischen Angeboten über aufsuchende Hilfen bis hin zu Unterstützung in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Bildung und Selbstmanagement.
Die Leitlinie schafft hier Struktur. Sie orientiert sich am individuellen Bedarf der Betroffenen und ordnet die Angebote systematisch, zum Beispiel nach beruflicher und sozialer Teilhabe, Gesundheitskompetenz, Behandlungsoptimierung sowie Wohlbefinden und Gesundheit. So wird sichtbar, welche Möglichkeiten es gibt und wo sie im deutschen Versorgungssystem verankert sind.
Ergotherapie als wichtiger Baustein
Die Leitlinie unterstreicht den Stellenwert der Ergotherapie als Teil psychosozialer Versorgung. Ergotherapie unterstützt Menschen dabei, ihre Handlungsfähigkeit, Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag zu stärken. Sie ergänzt Psychotherapie, andere Therapieformen und eine medikamentöse Behandlung sinnvoll, besonders mit Blick auf Alltag, Rollen und persönliche Ziele.
Praxisnah und trägerübergreifend gedacht
Ein weiterer Fokus liegt auf der Umsetzung im Versorgungsalltag. Die Leitlinie hilft dabei, wirksame psychosoziale Therapien auszuwählen, unabhängig vom Kostenträger oder vom zuständigen Sozialgesetzbuch. Entscheidend ist nicht das vorhandene Angebot, sondern der tatsächliche Unterstützungsbedarf der einzelnen Person.
Die Leitlinie auf einen Blick
Die S3-Leitlinie umfasst insgesamt 44 evidenzbasierte Empfehlungen. Davon wurden 15 Empfehlungen neu erarbeitet und 13 aktualisiert. An der Entwicklung waren 43 Fachgesellschaften, Verbände sowie Betroffenen- und Angehörigenorganisationen beteiligt.
Die vollständige S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ ist im AWMF-Leitlinienregister (Registernummer 038 - 020) abrufbar.