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Studie zeigt: Stärken sichtbar machen hilft Menschen mit Depression

Das bewusste Hervorheben persönlicher Stärken kann das Selbstvertrauen von Menschen mit Depression erhöhen und sie dabei unterstützen, eigene Ziele erfolgreicher zu verfolgen. Das zeigt eine aktuelle Langzeitstudie der Universität Wien.

Depression: Stärken sichtbar machen. Junge Person mit dunklen Rissen im Gesicht als Symbol für Depression, daneben eine Hand mit leuchtender Glühbirne.

Gesellschaftliche Bilder beeinflussen das Selbstbild

An Depression erkrankte Menschen beweisen im Umgang mit ihrer Krankheit täglich Stärke – sie stehen morgens trotz fehlendem Motivationsschub auf und lernen mit ihren belastenden Gedanken und Emotionen umzugehen. Gesellschaftlich wird dies aber häufig nicht so wahrgenommen. Stattdessen begegnen sie einem gegenteiligen Narrativ.

Frühere Studien zeigten bereits, dass Menschen mit Depression oft weniger Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten haben. Die Zuschreibung von Schwäche kann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten daher entscheidend beeinträchtigen. Die Wiener Psychologin Christina Bauer zeigt zusammen mit Kolleg*innen aus Österreich, Deutschland und den USA in einer aktuellen Studie, wie wichtig es für Betroffene daher ist, dass ihre Kraft betont wird und untersucht die Auswirkungen eines negativ bzw. positiv zugeschriebenen Bildes.

Stärken in den Fokus rücken

Um die Wirkung der Narrative zu untersuchen, haben Bauer und ihre Kolleg:innen negative Defizit-Narrative umgedreht: Statt Menschen mit Depression als schwach darzustellen, entwickelten sie eine Übung, welche die Stärken von Betroffenen hervorhebt.

Dazu zählten unter anderem:

  • Durchhaltevermögen im Alltag
  • der Umgang mit belastenden Gedanken und Gefühlen
  • das aktive Bewältigen depressiver Symptome

In drei Experimenten mit insgesamt N=748 Teilnehmer:innen, die Depression erlebt hatten, wurden Teilnehmende dazu angeregt, über ihre eigenen Stärken zu reflektieren (EG), die sie im Umgang mit Depression gezeigt haben. Im Vergleich zu einer zufällig zugewiesenen Kontrollgruppe (KG) zeigte sich, dass diese Übung das Selbstvertrauen der Teilnehmenden deutlich erhöhen konnte – und zwar unabhängig von der Symptomschwere.

Mehr Selbstvertrauen: mehr Handlungsspielraum und gestärkte Zielerreichung im Alltag

Besonders relevant: Das gestärkte Selbstvertrauen brachte langfristige Wirkung im Alltag. Dies zeigte sich in einem nachfolgenden zweiwöchigen Langzeitexperiment. Teilnehmende, die ihre Stärken in den vorherigen Experimenten reflektiert hatten (EG), machten signifikant um 49 Prozent mehr Fortschritt bei einem selbst gewählten persönlichen Ziel als die Vergleichsgruppe (KG). Die Forschenden führen diesen Effekt auf das gestärkte Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurück.

Bedeutung für die ergotherapeutische Praxis

"Sich selbst als stark, statt schwach zu sehen, ist für jeden von uns wichtig, um an uns glauben und unsere Ziele verfolgen zu können. Das gilt eben auch für Menschen mit Depression. […] Menschen, die mit Depression kämpfen, [sind] nicht schwach. Solche Narrative können wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken und Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten", fasst Bauer zusammen. Wird die Stärke der erkrankten Personen daher sichtbar gemacht und anerkannt, stärkt dies nicht nur das Selbstbewusstsein und Selbstbild der Betroffenen, sondern ihre langfristige Handlungsfähigkeit und Zielerreichung im Alltag.

Die Studie unterstreicht damit, wie wichtig ein ressourcenorientierter Fokus in der Begleitung von Menschen mit Depressionen ist.

Einbeziehung früherer Forschung

Dass Menschen mit Depressionen gesellschaftlich oft negativ behafteten Attributen ausgesetzt sind, ist vermutlich kein Zufall. Ein markantes Merkmal einer Person, wie etwa die physische Attraktivität, eine Behinderung, außergewöhnliche Leistungen oder auch eine psychische Erkrankung, kann mitunter so dominant auf das Umfeld wirken, dass andere Merkmale in der Beurteilung stark in den Hintergrund gedrängt bzw. nicht mehr berücksichtigt werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Das Phänomen wird auch „Halo-Effekt“ (positive Wahrnehmungstendenz) bzw. „Horn-Effekt“ (negative Wahrnehmungstendenz) genannt. Psychologisch steckt dahinter das Streben nach kognitiver Konsistenz.

Dass kommunizierte Stärken auch gestärktes Selbstvertrauen hervorbringen, scheint vor dem Hintergrund früherer Forschung naheliegend. Positive (bzw. negative) Erwartungen einer anderen Person können sich nachweislich in Form einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“ auf die Einstellungen und Handlungen einer anderen Person auswirken – häufig, weil diese die Erwartungen verinnerlicht.

Originalpublikation:
Bauer, C. A., Walton, G. M., Hoyer, J., & Job, V. (2026). Depression-reframing: Recognizing the strength in mental illness improves goal pursuit among people who have faced depression. Personality & Social Psychology Bulletin, 01461672251412492, 1461672251412492. https://doi.org/10.1177/01461672251412492

Quellen:

  • Universität Wien (2026). Stärke von depressiven Menschen betonen hilft Betroffenen
  • Heckhausen, Heinz (1980). Motivation und Handeln. Lehrbuch der Motivationspsychologie. Berlin: Springer.
  • Noor, N., Beram, S., Yuet, F. K. C., Gengatharan, K., & Rasidi, M. S. M. (2023). Bias, Halo Effect and Horn Effect: Systematic Literature. International Journal of Academic Research in Business & Social Sciences, 13(3), 1116-1140.
  • Nisbett, R. E., & Wilson, T. D. (1977). The halo effect: Evidence for unconscious alteration of judgments. Journal of personality and social psychology, 35(4), 250.

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