Menschen mit Depression bewältigen ihren Alltag häufig unter erschwerten Bedingungen. In der Ergotherapie steht daher nicht nur die Symptomatik, sondern vor allem die vorhandene Handlungsfähigkeit im Fokus. Eine ressourcenorientierte Perspektive kann dazu beitragen, die Selbstwirksamkeit und Teilhabe im Alltag zu stärken.
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Warum Ressourcenorientierung?
Depressive Symptome wie Antriebslosigkeit, Grübeln oder Erschöpfung erschweren alltägliche Betätigungen. Gleichzeitig zeigen viele Betroffene stabile Handlungsleistungen, die im eigenen Erleben oft wenig Beachtung finden. Eine konsequent ressourcenorientierte Herangehensweise setzt genau hier an: Sie legt den Fokus auf bereits vorhandene innere und äußere Faktoren, die ein Mensch mitbringt. Dazu gehören alle Fähigkeiten und Fertigkeiten, Interessen und Vorlieben, Stärken, Erfahrungen, Routinen und unterstützende Strukturen und Personen, welche im Alltag des Betroffenen eine Rolle spielen. Dieser Ansatz stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und unterstützt die Motivation und individuelle Teilhabe im Alltag.
Psychologische Forschung zeigt, dass die bewusste Wahrnehmung und Reflexion eigener Stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten unterstützen kann und sich positiv auf die Zielverfolgung auswirkt. Darüber haben wir bereits in unserem Artikel „Studie zeigt: Stärke sichtbar machen hilft Menschen mit Depression“ berichtet, basierend auf einer Langzeitstudie der Universität Wien von Bauer et al. (2026) mit 748 Teilnehmenden.
Ressourcen im ergotherapeutischen Prozess erkennen
Ressourcen zeigen sich häufig in kleinen, wiederkehrenden Alltagshandlungen. In der ergotherapeutischen Befundung werden diese Aspekte gezielt beobachtet, benannt und in Beziehung zu den Alltagszielen gesetzt.
Entscheidend ist dabei nicht die Bewertung der Leistung, sondern die Analyse der Handlungskompetenz unter den gegebenen Bedingungen. Nicht das Problem steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Möglichkeiten.
So lässt sich der Ansatz in der Praxis umsetzen
Am Beginn steht eine konkrete Alltagssituation, die als schwierig erlebt wird oder wieder stabil gelingen soll. Im therapeutischen Prozess werden dann folgende Fragen in den Blick genommen:
- Welche Handlungen gelingen trotz der Erkrankung?
- Welche Strategien werden genutzt, um ins Tun zu kommen?
- Welche Rahmenbedingungen unterstützen oder behindern die Ausführung?
Auf dieser Basis lassen sich alltagsnahe Ziele formulieren, die an bestehende Routinen und Fähigkeiten anknüpfen.
Ein Fallbeispiel aus der ergotherapeutischen Praxis
Eine erwachsene Person mit Depression berichtet zu Therapiebeginn über ausgeprägte Selbstzweifel und das Gefühl, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können. Im gemeinsamen Gespräch und durch gezielte Beobachtung werden jedoch stabile Handlungsanteile sichtbar, darunter feste Aufstehzeiten, die tägliche Versorgung eines Haustiers und regelmäßige Einkäufe.
Analyse der Alltagshandlungen
Die Tätigkeiten zeigen zwar eine vorhandene Alltagsstruktur, Verantwortungsübernahme und Durchhaltevermögen. Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass die betroffene Person die Leistungen nicht als Ausdruck eigener Stärke wahrnimmt, sondern als reine Notwendigkeit.
Therapeutische Ableitungen
In der Ergotherapie werden diese vorhandenen Ressourcen explizit benannt und mit aktuellen Alltagszielen verknüpft. Darauf aufbauend werden kleine, realistische Handlungsschritte geplant, die bestehende Routinen erweitern, ohne zu überfordern.
Beobachtete Veränderungen
Im Verlauf gelingt es der Person zunehmend, eigene Handlungsspielräume wahrzunehmen und gezielt zu nutzen. Das Erleben von Selbstwirksamkeit unterstützt die Motivation, alltagsbezogene Ziele weiterhin zu verfolgen.
Fazit
Ressourcenorientiertes Arbeiten ist ein zentraler Bestandteil ergotherapeutischer Praxis bei Depression. Der bewusste Blick auf vorhandene Fähigkeiten unterstützt die Entwicklung von Selbstwirksamkeit und Teilhabe im Alltag. Aktuelle Forschungsergebnisse liefern hierfür eine fundierte fachliche Referenz.