Schulterbeschwerden sind selten nur ein Beweglichkeitsproblem. Oft sind es konkrete Alltagssituationen, die plötzlich nicht mehr wie gewohnt möglich sind: Haare waschen, Jacke anziehen, das Kind hochheben, am Laptop arbeiten oder Blumen gießen. Ergotherapie setzt genau dort an: Nicht primär bei der Diagnose, sondern bei dem, was im Alltag wieder gelingen soll.
Warum Ergotherapie bei Schulterbeschwerden?
Viele Betroffene haben schnell ein klares Bild davon, was „nicht mehr geht“. Gleichzeitig bleiben die Gründe dafür oft unklar, da einzelne Tests oder Übungen weiterhin als unproblematisch wahrgenommen werden. Der Unterschied liegt im Kontext: Zeitdruck am Morgen, ungünstige Griffhöhen, einseitige Routinen, Schonhaltung – und die Sorge, etwas „kaputt zu machen“.
Ergotherapie bringt diese Faktoren zusammen und übersetzt sie in einen Plan, der alltagstauglich ist. Neben der Schmerzlinderung ist das Ziel, einen guten Umgang mit den Beschwerden zu entwickeln, damit der Alltag wieder zuverlässig funktioniert.
Der erste Schritt: Betätigungsanliegen erheben, nicht nur Symptome sammeln
Statt im Gespräch bei Schmerzskala und Bewegungsgrad hängen zu bleiben, hilft eine einfache Frage, die schnell eine Richtung gibt: „Welche Alltagssituation soll wieder sicher gelingen, ohne dass darüber nachgedacht werden muss?“.
Aus dieser Frage resultieren selten nur einzelne problematische Tätigkeiten, sondern meist alltagsbezogene Situationen, die mit Rollen, Routinen und Teilhabe verbunden sind. Genau dort sitzt häufig der eigentliche Leidensdruck: Der Alltag „läuft“ nicht mehr wie gewohnt.
Für eine strukturierte und umfängliche Erfassung aller Lebensbereiche der Klient:innen, eignet sich an dieser Stelle der COPM (Canadian Occupational Performance Measure). Dieser unterstützt dabei, bedeutsame Betätigungen zu finden, sie gemeinsam zu priorisieren und Fortschritt im Verlauf sichtbar zu machen.
Betätigungsanliegen bei Schulterbeschwerden sind zum Beispiel:
- Die Morgenroutine so anpassen, dass der Tag nicht schon mit Stress startet.
- Bildschirmarbeit so gestalten, dass der Tag ohne Symptomverschlechterung absolviert werden kann, z. B. Maus und Tastatur bedienen während des Telefonierens, Bewegung einbauen, um Meetings zu überstehen, ohne dass Schulter und Nacken ab Stunde zwei „dicht machen“.
- Das Kochen so organisieren, dass es wieder regelmäßig möglich ist, z. B. schwere Pfanne anheben oder Backblech aus dem Ofen nehmen.
- Versorgung und Nähe in der Elternrolle wieder sicher leben, z. B. Kind anziehen, hochheben und absetzen, tragen oder trösten, ohne Angst vor dem nächsten „Schmerz“.
- Wieder erholsam schlafen, weil Lagerung, Drehen oder eine schmerzhafte Seite den Schlaf sonst dauerhaft stören.
Damit diese Betätigungsanliegen in der Therapie greifbar werden, lohnt es sich, sie in einer konkreten Alltagsszene zu verankern: Wann tritt das Problem auf, was genau ist dann schwierig, was wird vermieden und was würde sich verändern, wenn die Handlung wieder klappt? Sind die Betätigungsanliegen sauber erfasst, entsteht daraus der rote Faden für die gesamte Therapie. Alles Weitere schließt daran an.
Vom Anliegen zur Analyse: Was genau macht die Situation schwer?
Für die Betätigungsanalyse reicht oft eine typische Alltagsszene und drei einfache Blickwinkel:
- Bewegung: Was passiert mit Schulter, Arm, Rumpf, Haltung und Tempo?
- Ablauf: Wo stockt es, wo wird kompensiert?
- Umgebung: Greifhöhen, Wiederholungen, Gewicht, Licht, Platz und Zeitdruck? Was macht es unnötig schwer?
Oft genügen wenige Beobachtungen, um gezielt Anpassungen abzuleiten, die sich im Alltag direkt testen lassen.
Was Ergotherapie dann konkret macht
Ergotherapie arbeitet bei Schulterbeschwerden meist mit einem Mix aus:
- Alltag anpassen: Greifhöhen verändern, Dinge umorganisieren, Hilfsmittel testen, Abläufe vereinfachen.
- Belastung steuern: stufenweise aufbauen statt dauerhaft schonen oder regelmäßig überlasten, mit einfachen Steigerungsregeln.
- Bewegung im Kontext üben: nicht losgelöst „Übung X“, sondern direkt in Alltagssituationen, etwa Schrank erreichen, Pfanne heben oder Jacke anziehen.
- Sicherheit im Umgang mit Beschwerden: Durch Aufklärung Signale besser einordnen, Unsicherheit reduzieren, wieder mehr Vertrauen in Bewegung gewinnen.
- Fortschritt sichtbar machen: zum Beispiel mit COPM oder einer kurzen Selbsteinschätzung ausgewählter Alltagssituationen.
Fallbeispiel: „Morgenroutine funktioniert wieder“
Frau S., 41, arbeitet im Büro, hat seit Wochen Schulterschmerzen, besonders beim Haarewaschen und beim Anziehen enger Oberteile. Morgens braucht sie deutlich länger, wird gereizt und startet mit Stress in den Tag.
Im Gespräch wird klar: Ihr Betätigungsanliegen ist neben „weniger Schmerz“, auch „morgens wieder routiniert fertig werden“.
In der Analyse zeigt sich: Beim Haarewaschen kompensiert sie über eine Hochziehung der Schulter und hält dabei unbewusst die Spannung. Gleichzeitig stehen Shampoo und Föhn so, dass sie ständig über Kopf greifen muss.
Die Intervention bleibt bewusst alltagsnah: Materialien werden so platziert, dass weniger Überkopfgriffe nötig sind, der Ablauf der Morgenroutine wird vereinfacht und kurze Entlastungsmomente werden gezielt eingeplant. Überkopf-Tätigkeiten werden nicht vermieden, sondern schrittweise und dosiert wieder aufgebaut.
Nach zwei Wochen berichtet Frau S., dass sie morgens weniger über ihre Handlungen nachdenken muss, schneller ist und sich wieder mehr zutraut. Der Schmerz ist nicht komplett weg, aber der Alltag ist zurück.
Und funktionelle Übungen?
Funktionelle Übungen können ein wichtiger Teil der Behandlung sein. Wie viel Raum sie einnehmen, hängt aber davon ab, ob parallel Physiotherapie stattfindet. Wenn diese nicht eingebunden ist, werden funktionelle Übungen in der Ergotherapie oft stärker genutzt, um Belastbarkeit und muskuläre Unterstützung gezielt aufzubauen, immer mit Bezug zu den Betätigungszielen.
Findet gleichzeitig auch Physiotherapie statt, liegt dieser Schwerpunkt häufig dort. Ergotherapie kann dann in Absprache vor allem die Trainingsstrategie im Alltag von Betroffenen unterstützen: Wann passen Übungen realistisch in den Tag? Was steht ihnen im Weg? Welche Alltags- oder Umfeldanpassungen erleichtern das langfristige Durchhalten?
Autorin: Sabrina Heizmann, Institut Wissen (InWi)