Eine neue S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie beschreibt die Diagnostik und Behandlung funktioneller Bewegungsstörungen. Sie richtet sich an Ärztinnen und Ärzte sowie therapeutische Berufsgruppen und bündelt den aktuellen Wissensstand. Funktionelle Bewegungsstörungen gehören zu den häufigen Bewegungsstörungen in der neurologischen Versorgung. Betroffene können zum Beispiel Tremor, Gangstörungen oder Lähmungserscheinungen entwickeln, ohne dass eine strukturelle neurologische Erkrankung nachweisbar ist. Die Leitlinie betont vor allem die Bedeutung einer transdisziplinären Behandlung.
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Diagnose: Nicht nur eine Ausschlussdiagnose
Die Diagnose soll dabei nicht als reine Ausschlussdiagnose gestellt werden. Stattdessen werden positive klinische Zeichen empfohlen, etwa inkonsistente Bewegungsmuster, Symptomveränderungen bei Ablenkung oder Unterschiede zwischen spontanen und gezielten Bewegungen.
Ein zentraler Wert wird auch auf eine verständliche, klare und empathische Kommunikation der Diagnose gelegt.
Behandlung: Transdisziplinäres Vorgehen
Empfohlen wird eine individuell geplante transdisziplinäre Therapie. Je nach Beschwerdebild können verschiedene Fachrichtungen beteiligt sein, darunter Neurologie, Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie.
Die Therapie orientiert sich an den funktionellen Einschränkungen der Betroffenen. Zu einer spezifischen medikamentösen Behandlung wird mangels ausreichender Evidenz derzeit nicht angeraten.
Ergotherapie in der Behandlung funktioneller Bewegungsstörungen
Die Leitlinie empfiehlt Ergotherapie ausdrücklich als Bestandteil der transdisziplinären Behandlung von Patient:innen mit funktionellen Bewegungsstörungen. Diese Empfehlung wurde mit starkem Konsens verabschiedet. Ziel der ergotherapeutischen Behandlung ist die Verbesserung der Handlungsfähigkeit im Alltag und die Förderung von Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Neurokognitive und sensomotorische Therapie
Inhaltlich stehen vor allem neurokognitive und sensomotorische Ansätze im Vordergrund. Grundlage der Ergotherapie ist die Verbindung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Bewegung. Letztere wird dabei als Lernprozess verstanden, nicht nur als Muskelarbeit.
Wichtige Ansätze sind:
- Das Bewusstmachen normaler Bewegungsstrategien: Betroffene lernen, einzelne Gelenke, Bewegungsrichtungen und Positionen gezielt wahrzunehmen.
- Motorische Imagination: Bewegungen der gesunden Körperseite werden gedanklich auf die betroffene Seite übertragen.
- Sensorische Imagination und taktile Wahrnehmung: Berührungen, Oberflächen und Sinneseindrücke werden bewusst wahrgenommen und verglichen.
- Beobachtung und Analyse von Bewegungen: Eigene oder fremde Bewegungen werden beobachtet, Unterschiede erkannt und die präzise Steuerung trainiert.
Ziel ist die Übertragung dieser Fähigkeiten in den Alltag, sodass Patient:innen die erlernten Strategien bei täglichen Aktivitäten anwenden können.
Edukation und Förderung der Teilhabe
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung von Aufklärung über das Krankheitsbild und dessen Auswirkungen auf Alltag, Beruf und Freizeit. Ergotherapie unterstützt dabei, Handlungsoptionen zu erkennen und umzusetzen.
Dazu gehören:
- Anpassung des Alltags, um selbstständige Aktivitäten zu ermöglichen.
- Nutzung alternativer Tätigkeiten, wenn bestimmte Handlungen derzeit nicht möglich sind.
- Unterscheidung zwischen Trainingstätigkeiten und Tätigkeiten zur Bedürfnisbefriedigung.
- Erklärung des Krankheitsbildes gegenüber Personen im sozialen Umfeld.
- Förderung des Austauschs mit anderen Betroffenen zur Stärkung der sozialen Teilhabe.
Aktivitäten des täglichen Lebens und Hilfsmittelberatung
Auch die Selbstständigkeit im Alltag wird durch die Ergotherapie gefördert, denn sie hilft dabei, Hindernisse zu erkennen und Lösungen zu entwickeln.
Zentrale Punkte sind:
- Anpassung von Aktivitäten: Hindernisse erkennen und Lösungen finden, um Aufgaben selbstständig zu bewältigen.
- Schrittweise Rückkehr zu Routinen: Tagesabläufe unter Berücksichtigung von Schlaf, Pausen, Ernährung und Bewegung gestalten.
- Etablierung persönlicher Routinen: Hindernisse bewusst machen und abbauen.
- Hilfsmittelberatung: Hilfsmittel und Orthesen werden zunächst unterstützend eingesetzt, sollen langfristig aber reduziert oder überflüssig werden. Fortschritte werden regelmäßig reflektiert und anerkannt, um das Selbstvertrauen zu stärken.
Studienlage zur Ergotherapie
Die Leitlinie verweist dabei auf eine Langzeitstudie von Saifee et al. (2012), in der mehr als 85 Prozent der stationär behandelten Patient:innen mit funktionellen Bewegungsstörungen die Ergotherapie als hilfreich, etwa die Hälfte sogar als sehr hilfreich bewerteten. Die spezifische Evidenz zur Wirksamkeit der Ergotherapie in dieser Gruppe ist derzeit jedoch begrenzt, da sich die vorliegenden Studien überwiegend auf multidisziplinäre Rehabilitationsprogramme beziehen.
Fazit
Die neue Leitlinie zu funktionellen Bewegungsstörungen unterstreicht die Bedeutung einer transdisziplinären Behandlung. Neben medizinischen und psychotherapeutischen Maßnahmen spielen auch therapeutische Verfahren eine zentrale Rolle. Ergotherapie wird ausdrücklich als Bestandteil der Behandlung empfohlen. Im Fokus steht die Verbesserung der Handlungsfähigkeit im Alltag, die Förderung der Selbstständigkeit sowie die Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe.
Die vollständige S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen“ ist im AWMF-Leitlinienregister (Registernummer 030 - 148) abrufbar.
Quellen:
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). (2026). Funktionelle Bewegungsstörungen: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030/148). Abrufbar unter: www.dgn.org/leitlinien
- Saifee, T. A., Kassavetis, P., Pareés, I., Kojovic, M., Fisher, L., Morton, L., Foong, J., Price, G., Joyce, E. M., & Edwards, M. J. (2012). Inpatient treatment of functional motor symptoms: a long-term follow-up study. Journal of Neurology, 259(9), 1958–1963. https://doi.org/10.1007/s00415-012-6530-6