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Ergotherapie bei Multipler Sklerose: Zwischen Potenzial und begrenzter Evidenz

Wie wirksam ist Ergotherapie bei Multipler Sklerose wirklich? Die aktuelle Cochrane-Übersichtsarbeit bündelt 20 Studien und zeigt: Es gibt Hinweise auf kleine bis moderate Effekte – vor allem direkt nach der Intervention. Doch die Evidenz bleibt heterogen und häufig von niedriger Sicherheit geprägt. Zwischen Potenzial und Unsicherheit liegt ein breites Feld für die ergotherapeutische Praxis.

Ergotherapie bei Multipler Sklerose: Zwischen Potenzial und begrenzter Evidenz

Ziel der Übersichtsarbeit: Wirkung sichtbar machen

Die Cochrane-Übersichtsarbeit von Kos et al. (2026) untersucht, welchen Nutzen und welche möglichen Risiken ergotherapeutische Interventionen bei Erwachsenen mit Multipler Sklerose (MS) haben. Im Fokus stehen Alltagsfunktion, Lebensqualität, Partizipation sowie unerwünschte Effekte.

Ergotherapie wird dabei als Ansatz verstanden, der Menschen mit MS unterstützt, bedeutungsvolle Aktivitäten und die Teilhabequalität im Alltag aufrechtzuerhalten oder neu zu strukturieren. Gleichzeitig bleibt unklar, wie stark und nachhaltig diese Effekte tatsächlich sind.

Studiendesign: Breite Datenlage, hohe Heterogenität

Eingeschlossen wurden 20 Studien mit insgesamt 1628 Teilnehmenden. Davon waren 17 randomisiert kontrolliert, drei nicht-randomisiert. Die meisten Studien stammen aus Ländern mit hohem Einkommen.

Die Interventionen waren sehr unterschiedlich:

  • Fatigue-Management-Programme (10 Studien)
  • Training alltagspraktischer Fähigkeiten (9 Studien)
  • Förderung sozialer Partizipation (1 Studie)

Diese Vielfalt ist zentral für die Interpretation: Ergotherapie wird hier nicht als einheitliche Intervention untersucht, sondern als Sammelbegriff unterschiedlicher Ansätze. Die methodische Qualität wurde mit dem Cochrane Risk-of-Bias-Tools bewertet. Die Evidenzsicherheit wurde zusätzlich mit GRADE eingeschätzt, einem System zur Bewertung der Aussagekraft wissenschaftlicher Studien, und fiel überwiegend niedrig bis sehr niedrig aus.

Alltagsfunktion: kleine Effekte, große Unsicherheit

Im Bereich der Alltagsfunktion zeigen sich die relevantesten Hinweise auf Wirkung.

Verglichen wurde Ergotherapie unter anderem mit anderen therapeutischen oder unterstützenden Maßnahmen („aktive Kontrollgruppen“), mit üblicher Versorgung oder ohne Intervention.

Direkt nach der Intervention ergibt sich:

  • Ein kleiner Effekt im Vergleich zu aktiven Kontrollgruppen (SMD 0,22),
  • ein moderater Effekt im Vergleich zu keiner Intervention (SMD 0,56) und
  • ein potenziell großer Effekt im Vergleich zur Regelversorgung, jedoch mit sehr unsicherer Evidenz.

Im mittelfristigen Verlauf (bis sechs Monate) zeigt sich kaum ein Unterschied zu aktiven Kontrollgruppen, jedoch ein möglicher großer Effekt im Vergleich zur Regelversorgung in Einzelstudien. Langfristige Daten fehlen weitgehend.

Die Botschaft ist eindeutig: Ergotherapie kann die Alltagsfunktion kurzfristig unterstützen. Aber eine zuverlässige Stabilität über die Zeit bleibt wissenschaftlich nicht abgesichert.

Lebensqualität: eher mental als physisch spürbar

Für die gesundheitsbezogene Lebensqualität zeigt sich ein differenziertes Bild.

Psychische Lebensqualität

  • kleine Verbesserungen direkt nach der Intervention im Vergleich zu aktiven Kontrollgruppen
  • mögliche moderate Effekte im Vergleich zu keiner Intervention
  • leichte Effekte im mittleren Verlauf, jedoch mit niedriger Evidenzsicherheit

Körperliche Lebensqualität

  • kaum bis keine Effekte im Vergleich zu aktiven Kontrollgruppen
  • auch mittelfristig überwiegend keine klaren Unterschiede

Die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Ergotherapie wirkt eher auf mentale und psychosoziale Dimensionen als auf körperbezogene Lebensqualität – zumindest in der aktuellen Studienlage.

Partizipation: ein blinder Fleck der Evidenz

Für die gesellschaftliche Teilhabe zeigen die eingeschlossenen Studien kaum belastbare Ergebnisse.
Postinterventionale Daten zeigen nur einen kleinen Effekt im Vergleich zu aktiven Kontrollgruppen.
Für mittlere und lange Zeiträume liegen kaum verwertbare Daten vor.

Damit bleibt ein zentraler ergotherapeutischer Kernbereich unterbeleuchtet. Partizipation wird zwar theoretisch adressiert, aber empirisch kaum sauber abgebildet.

Sicherheit: unerwünschte Effekte nicht systematisch erfasst

Ein bemerkenswerter Befund ist die fehlende Datenlage zu Nebenwirkungen.

Keine der eingeschlossenen Studien erfasste unerwünschte Effekte systematisch. Damit bleibt offen, ob und in welchem Ausmaß Belastungen durch ergotherapeutische Interventionen auftreten können. Für die Praxis bedeutet das nicht automatisch ein Risiko. Es bedeutet Unsichtbarkeit. Und Unsichtbarkeit ist in der Evidenz gleichbedeutend mit Unsicherheit.

Einordnung für die ergotherapeutische Praxis

Die Ergebnisse lassen sich nicht in einfache Wirksamkeitsaussagen übersetzen. Stattdessen zeigen sie ein Spannungsfeld.

Ergotherapie bei MS ist:

  • potenziell wirksam im Alltagstraining
  • möglicherweise hilfreich für mentale Lebensqualität
  • uneinheitlich in der langfristigen Wirkung
  • wissenschaftlich heterogen untersucht

Für die Praxis ergibt sich daraus ein klarer Fokus:

  • Interventionen konkret an Alltagszielen der Klient:innen ausrichten
  • Fatigue-Management strukturiert und individuell adaptieren
  • Transfer in reale Alltagssituationen konsequent prüfen
  • Wirkung nicht nur messen, sondern im Verlauf gemeinsam reflektieren

Die Ergotherapie zeigt hier ihr typisches Profil: kontextsensibel, alltagsnah, aber schwer in standardisierte Wirksamkeitslogik zu pressen.

Reflexionsfragen für die Praxis

  1. Welche Interventionen setzen wir bei MS standardmäßig ein und warum?
  2. Wie erfassen wir Alltagsveränderungen jenseits standardisierter Skalen?
  3. Wo entsteht in der Behandlung echte Partizipation, wo nur Aktivitätstraining?
  4. Wie gehen wir mit fehlender Evidenz zu Langzeiteffekten um?
  5. Welche Rolle spielt subjektive Zielerreichung im Vergleich zu Messwerten?

Fazit: Wirkung vorhanden, aber nicht eindeutig greifbar

Die Cochrane-Übersichtsarbeit zeigt: Ergotherapie bei Multipler Sklerose kann kurzfristig Alltagsfunktion und mentale Lebensqualität verbessern. Die Effekte sind jedoch klein bis moderat und häufig mit niedriger Evidenzsicherheit belegt.

Langfristige Wirkungen bleiben unklar. Ebenso fehlen systematische Daten zu Nebenwirkungen.

Für die Praxis heißt das nicht Zurückhaltung. Es heißt Präzision. Ergotherapie wirkt dort, wo Alltag konkret wird. Aber die wissenschaftliche Abbildung dieser Wirkung bleibt fragmentiert.

Quellen:

  • Kos, D., Boers, A., O’Meara, C., Bekkering, G. E., De Coninck, L., Koen, M., Freeman, J., Hynes, S. M., & Eijssen, I. C. (2026). Occupational therapy for multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews, 1(1), CD015371. https://doi.org/10.1002/14651858.CD015371.pub2

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