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Depression bei Kindern und Jugendlichen: Neue S3-Leitlinie stärkt Partizipation und interdisziplinäre Behandlung

Die neue S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen setzt auf mehr Differenzierung, mehr Beteiligung und mehr Interdisziplinarität. Für die Ergotherapie bedeutet dies: Ergänzende Maßnahmen wie Bewegung, künstlerische Therapien und die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen werden erstmals ausdrücklich empfohlen. Damit rückt die Frage stärker in den Fokus, wie Kinder und Jugendliche im Alltag stabilisiert, aktiviert und in ihrer Teilhabe unterstützt werden können.

Depression bei Kindern und Jugendlichen

Depression bei Kindern und Jugendlichen

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Während sie bereits bei jüngeren Kindern auftreten können, steigt die Prävalenz im Jugendalter auf etwa 8 Prozent an. Die Erkrankung beeinträchtigt nicht nur die psychische Gesundheit, sondern wirkt sich auf Schule, Freizeit, soziale Beziehungen und die familiäre Situation aus.

S3-Leitlinie setzt den Fokus neu

Mit der im März 2026 veröffentlichten Aktualisierung der S3-Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen“ liegt nun ein umfassend überarbeiteter Handlungsrahmen für die Versorgung vor. Die Leitlinie wurde unter Federführung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) des LMU Klinikums München erarbeitet und berücksichtigt zahlreiche neue wissenschaftliche Erkenntnisse der vergangenen Jahre.

Eine zentrale Botschaft zieht sich durch die gesamte Leitlinie: Depressionen im Kindes- und Jugendalter benötigen eine frühzeitige, altersgerechte und partizipative Behandlung – unabhängig vom Schweregrad nach fachärztlicher Diagnosestellung.

Altersgerechte Behandlung statt Einheitslösung

Eine der wichtigsten Neuerungen ist die erstmalige Unterteilung der Empfehlungen in drei Altersgruppen:

  • jüngere Kinder (3–6 Jahre)
  • ältere Kinder (7–12 Jahre)
  • Jugendliche (13–18 Jahre)

Damit trägt die Leitlinie dem Umstand Rechnung, dass sich depressive Symptome, Entwicklungsaufgaben und therapeutische Möglichkeiten je nach Alter deutlich unterscheiden.

Für jüngere Kinder gewinnen familienbasierte Interventionen an Bedeutung. Für Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren wird die familienbasierte interpersonelle Therapie als Alternative zur Behandlung der ersten Wahl empfohlen. Für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren empfiehlt die Leitlinie die Parent-Child-Interaction-Therapy – Emotion Development (PCIT-ED).

Für die Ergotherapie ist diese Differenzierung bedeutsam. Sie verdeutlicht, dass Betätigungsziele, Interventionen und die Zusammenarbeit mit dem familiären Umfeld stets entwicklungsbezogen geplant werden müssen. Was Jugendliche zur Förderung von Selbstwirksamkeit benötigen, unterscheidet sich häufig grundlegend von den Bedürfnissen eines Vorschulkindes.

Psychotherapie bleibt die Behandlung der ersten Wahl

Trotz der Erkenntnisse zur Pharmakotherapie bleibt die Empfehlung eindeutig: Psychotherapie soll bei Kindern und Jugendlichen unabhängig vom Schweregrad vorrangig eingesetzt werden. Als Therapie der ersten Wahl wird weiterhin die kognitive Verhaltenstherapie empfohlen. Ziel dieser evidenzbasierten Methode ist es, belastende Denk- und Verhaltensmuster frühzeitig zu erkennen und schrittweise zu verändern.

Gleichzeitig erweitert die Leitlinie die Empfehlungen zur medikamentösen Behandlung bei mittelgradigen und schweren depressiven Störungen. Während in der vorherigen Leitlinienversion ausschließlich Fluoxetin empfohlen wurde, gelten nun Fluoxetin, Sertralin und Escitalopram als Pharmakotherapien der ersten Wahl.

Die Leitlinie formuliert dabei keinen Gegensatz zwischen psychotherapeutischen und pharmakologischen Maßnahmen. Vielmehr beschreibt sie ein erweitertes Behandlungsspektrum, das individuell an Symptomatik, Alter und Bedürfnisse angepasst werden soll.

Ergänzende Maßnahmen erhalten mehr Gewicht

Besonders interessant für Ergotherapeut:innen: Die Leitlinie spricht erstmals explizite Empfehlungen für ergänzende Maßnahmen aus.

Dazu gehören:

  • Sport und Bewegung
  • künstlerische Therapien
  • Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe

Damit wird die Behandlung depressiver Störungen ausdrücklich als interdisziplinäre Aufgabe verstanden. Neben Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen werden weitere Berufsgruppen als wichtige Partner in der Versorgung benannt.

Für die Ergotherapie eröffnet dies einen wichtigen fachlichen Anknüpfungspunkt. Viele depressive Kinder und Jugendliche erleben Einschränkungen in ihrer Handlungsfähigkeit: Interessen gehen verloren, Aktivitäten werden vermieden, Tagesstrukturen brechen weg und soziale Kontakte nehmen ab. Gerade hier liegen klassische ergotherapeutische Handlungsfelder. Die Leitlinie macht deutlich, dass eine wirksame Versorgung nicht ausschließlich im Therapieraum stattfindet. Entscheidend ist, wie Kinder und Jugendliche ihren Alltag bewältigen und wieder Zugang zu bedeutungsvollen Betätigungen finden.

Partizipation wird zum zentralen Behandlungsprinzip

Eine weitere zentrale Neuerung betrifft die Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien an Therapieentscheidungen. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich eine partizipative Entscheidungsfindung. Behandlungsentscheidungen sollen gemeinsam mit den Betroffenen getroffen werden – auf Grundlage wissenschaftlicher Evidenz, klinischer Erfahrung sowie individueller Bedürfnisse, Erwartungen und Ressourcen. Voraussetzung dafür ist eine alters- und entwicklungsangemessene Aufklärung. Informationen sollen in verständlicher Sprache vermittelt werden und die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen.

Was bedeutet das für die Ergotherapie?

Die Leitlinie beschreibt keine spezifischen ergotherapeutischen Interventionen. Dennoch ergeben sich daraus mehrere praktische Konsequenzen.

Erstens gewinnt die Zusammenarbeit mit Familien weiter an Bedeutung. Besonders bei jüngeren Kindern sollten Bezugspersonen aktiv in Zielsetzung, Beratung und Alltagsgestaltung einbezogen werden.

Zweitens rückt die Förderung von Aktivität und Teilhabe stärker in den Mittelpunkt. Ergotherapeut:innen können dazu beitragen, verlorengegangene Routinen wiederaufzubauen, Interessen zu reaktivieren und positive Handlungserfahrungen zu ermöglichen.

Drittens wird interprofessionelle Zusammenarbeit ausdrücklich gestärkt. Die Leitlinie unterstreicht die Bedeutung abgestimmter Versorgungsprozesse zwischen Psychotherapie, Medizin, Jugendhilfe und weiteren therapeutischen Disziplinen.

Fazit

Die aktualisierte S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen setzt auf Differenzierung statt Standardisierung. Altersgerechte Interventionen, Psychotherapie als erste Behandlungsoption, eine stärkere Beteiligung von Kindern und Familien sowie die ausdrückliche Einbeziehung ergänzender Maßnahmen prägen die neuen Empfehlungen. Für Ergotherapeut:innen ist es relevant, sich der wichtigen Bedeutung ihrer Rolle in diesem Komplex bewusst zu machen und dass Bewegung, kreative Therapieformen und interdisziplinäre Zusammenarbeit erstmals explizit berücksichtigt werden.

Quellen:

Buch-Tipp

Schulz-Kirchner Verlag, 2021

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