Die Ergebnisse der HELPER-Studie zeichnen ein deutliches Bild: Der Fachkräftemangel in den Gesundheitsfachberufen wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Gleichzeitig benennt die aktuelle Untersuchung konkrete, begünstigende Einflussfaktoren – von hoher Arbeitsbelastung über fehlende Karriereperspektiven bis hin zu einer als unzureichend empfundenen Vergütung. Für Ergotherapeut:innen und Praxisinhabende liefern die Daten wichtige Hinweise darauf, welche Herausforderungen die Versorgung künftig prägen werden.
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Die HELPER-Studie
Die HELPER-Studie ist eine prospektive, online durchgeführte, Beobachtungs- und Befragungsstudie, die im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention durchgeführt wurde. Die Versorgungssituation und Arbeitsbedingungen von Hebammen und Heilmittelerbringer:innen (u. a. Ergotherapeut:innen, Physiotherapeut:innen, Logopäd:innen und Podolog:innen) in Bayern wurde dabei systematisch analysiert. Dadurch sollte die Datenlücke zur Versorgungssituation geschlossen und Handlungsoptionen für die künftige Versorgung abgeleitet werden.
Der Fachkräftemangel spitzt sich weiter zu
Der Fachkräftemangel in den Therapieberufen ist längst keine Zukunftsprognose mehr. Viele Praxen berichten nicht erst seit heute von unbesetzten Stellen, langen Wartezeiten und einer steigenden Arbeitsbelastung für bestehende Teams. Die Ergebnisse der HELPER-Studie weisen darauf hin, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen könnte. An der prospektiven Beobachtungsstudie beteiligten sich insgesamt 2.294 Hebammen, Heilmittelerbringende sowie Studierende und Schüler:innen entsprechender Gesundheitsfachberufe. Erfasst wurden unter anderem soziodemografische Daten sowie die bisherige Ausbildung und berufliche Situation, die aktuelle Tätigkeit, die Arbeitszufriedenheit, berufsfremde Tätigkeiten und die Gesundheitskompetenz.
Eine Ruhestandswelle rollt auf das Gesundheitssystem zu
Ein erheblicher Teil der Befragten (etwa 27 %) plant in den nächsten 10 Jahren in den (frühzeitigen) Ruhestand zu gehen. Hervorzuheben sind dabei die Ergebnisse bei den Podolog:innen (40 Prozent) und den Physiotherapeut:innen (30,8 Prozent). Bei den anderen Gruppen ist die Anzahl nur minimal geringer (Hebammen 27,6 Prozent; Logopäd:innen 22,6 Prozent; Ergotherapeut:innen 21,9 Prozent und Ernährungsfachkräfte 20,3 Prozent).
Die Studie weist darauf hin, dass diese Entwicklung auf eine ohnehin angespannte Versorgungssituation trifft. Denn gleichzeitig steigt durch den demografischen Wandel und eine alternde Bevölkerung der Bedarf an therapeutischen und gesundheitlichen Leistungen.
Für Ergotherapeut:innen bedeutet das vor allem eines: Die Nachfrage nach ergotherapeutischen Leistungen dürfte weiter wachsen. Die Frage wird nicht sein, ob ausreichend Klient:innen vorhanden sind, sondern ob genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen, um den Bedarf zu decken.
Hohe empfundene Arbeitsbelastung als Verstärker des Problems
Ein Großteil der Befragten berichtet zudem, dass ihre subjektiv empfundene Arbeitszeit und Arbeitsbelastung in den vergangenen fünf Jahren angestiegen oder sogar deutlich angestiegen ist.
Auffällig ist dabei, dass Ergotherapeut:innen hierbei den höchsten Wert angeben. Dies ist ein klares Warnsignal, denn dauerhaft hohe Arbeitsbelastung ist nicht nur ein Indikator für die unzureichende personelle Ausstattung, sondern auch ein Faktor, der den Fachkräftemangel verstärkt. Fachkräfte, die ständig unter hoher Belastung arbeiten, sind häufiger von beruflicher Erschöpfung und Frustration betroffen und haben eine sinkende Arbeitszufriedenheit. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass sie ihre Arbeitszeit und -qualität reduzieren oder den Beruf ganz verlassen. Die Frage nach dem Wunsch einer beruflichen Neuorientierung bzw. der Berufsaufgabe wird von den meisten Befragten jedoch (noch) verneint.
Vor allem für Praxisinhabende ergibt sich daraus nun eine wichtige Frage: Wie können Arbeitsbedingungen gestaltet werden, damit Fachkräfte langfristig im Beruf bleiben?
Vergütung bleibt ein kritischer Faktor
Neben der Arbeitsbelastung wird gleichermaßen auch die Einkommenssituation der Gesundheitsfachberufe thematisiert. Fast die Hälfte der Befragten erzielt ein Jahresnettoeinkommen von weniger als 30.000 Euro.
Darin wird ein wesentlicher Faktor für die Nachwuchsproblematik gesehen, denn niedrige Einkommen reduzieren die Attraktivität der Berufe und erschweren die Gewinnung neuer Fachkräfte. Besonders kritisch erscheint dies vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an therapeutische Berufe. Während die Verantwortung einerseits wächst, werden finanzielle Entwicklungsmöglichkeiten von vielen Befragten offenbar als begrenzt wahrgenommen.
Betrachtet man das durchschnittliche Nettoeinkommen pro Arbeitsstunde zeigt sich ein recht homogenes Bild: Hebammen verdienen im Schnitt 24,60 €/h, Ergotherapeut:innen 22,70 €/h, Logopäd:innen 26,20 €/h, Physiotherapeut:innen 25,90 €/h, Ernährungsfachkräfte 30,40 €/h und Podolog:innen 24,10 €/h. Im Verhältnis zur Wochenarbeitszeit fällt in den meisten Berufsgruppen eine inverse Korrelation von Nettoeinkommen und Wochenarbeitszeit auf. Besonders die Heilmittelerbringenden mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit bis 10 Stunden haben ein überproportional hohes Nettoeinkommen pro Stunde. Mehrarbeit spiegelt sich dementsprechend nicht zwangsläufig in einem höheren Gehalt wider.
Akademisierung allein löst das Problem nicht
Seit Jahren wird die Akademisierung der Therapieberufe intensiv diskutiert, doch die HELPER-Studie zeigt, dass viele Therapeut:innen in einem Bachelorabschluss aktuell keinen unmittelbaren Mehrwert für ihre berufliche Entwicklung sehen. Das Desinteresse an einer Weiterbildung ist besonders ausgeprägt bei den Physiotherapeut:innen mit 81,3 Prozent, den Logopäd:innen mit 80,5 Prozent und den Ergotherapeut:innen mit 77 Prozent. Die Befragten begründen dies vor allem mit fehlenden Karriereperspektiven und einer mangelnden finanziellen Anerkennung akademischer Qualifikationen.
Interessanterweise zeigt sich bei bereits akademisierten Fachkräften ein anderes Bild. Mehr als die Hälfte der Befragten mit Bachelorabschluss äußert Interesse an einem weiterführenden Masterstudium. Die hohe Bereitschaft für ein weiteres Studium und gesehene Notwendigkeit von akademischen Abschlüssen im Gesundheitssektor, wird insbesondere mit der steigenden Komplexität der Versorgung, zunehmenden Anforderungen an die Fachkräfte und der höheren Anerkennung begründet. Häufig ist die Motivation akademisierter Therapeuten aber auch, durch das Studium Berufe fern der direkten Patientenversorgung zu erlangen, um bessere Karriereperspektiven realisieren zu können.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht die Akademisierung selbst das Problem darstellt. Vielmehr fehlt vielen Therapeut:innen aktuell ein klar erkennbarer Nutzen im Berufsalltag.
Mehr Eigenverantwortung gewünscht
Weiterhin zeigte sich, dass die Mehrheit der Befragten sich für die Einführung eines Direktzugangs ausspricht – unter den Ergotherapeut:innen sind es 79,2 Prozent. Die Studie interpretiert dies als Ausdruck des Wunsches nach mehr beruflicher Eigenständigkeit und Verantwortung. Für die Ergotherapie ist dieses Ergebnis bemerkenswert, denn es zeigt, dass viele Ergotherapeut:innen ihre fachliche Kompetenz als ausreichend ansehen, um stärker in diagnostische und versorgungsrelevante Entscheidungen eingebunden zu werden.
Gleichzeitig zeigt sich klar, dass berufliche Attraktivität nicht allein von finanziellen Faktoren abhängt, sondern auch von den eingeräumten Handlungsspielräumen, der Autonomie und den fachlichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Was bedeuten die Ergebnisse für Praxisinhabende?
Die Ergebnisse der HELPER-Studie machen deutlich, dass der Wettbewerb um Fachkräfte weiter zunehmen wird. Für Praxisinhaber:innen wird Personalgewinnung daher zunehmend zur strategischen Aufgabe.
Mögliche Ansatzpunkte sind hierbei:
- flexible Arbeitszeitmodelle
- Maßnahmen zur Reduktion von Arbeitsbelastungen
- transparente Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Praxis
- Förderung von Fort- und Weiterbildung
- stärkere Einbindung von Mitarbeitenden in Entscheidungen
Fazit
Der Fachkräftemangel in den Gesundheitsfachberufen ist kein vorübergehendes Problem. Ruhestandsbedingte Abgänge, steigende Arbeitsbelastungen, begrenzte Karriereperspektiven und eine vielfach als unzureichend wahrgenommene Vergütung verstärken sich gegenseitig. Für Ergotherapeut:innen sind die Ergebnisse besonders relevant, denn diese berichten am häufigsten von einer gestiegenen Arbeitsbelastung. Gleichzeitig spricht sich die Mehrheit aller Befragten für mehr berufliche Eigenverantwortung aus.
Die HELPER-Studie macht deutlich: Wer Fachkräfte gewinnen und halten möchte, muss mehr bieten als offene Stellen. Gefragt sind attraktive Arbeitsbedingungen, Entwicklungsperspektiven und eine stärkere Anerkennung therapeutischer Expertise.