Anzeigen:
Sie sind hier: Neuigkeiten >> Kultursensibler Ergotherapie-Alltag: Betätigung ist nicht universell

Kultursensibler Ergotherapie-Alltag: Betätigung ist nicht universell

Was als sinnvolle Alltagsaktivität gilt, wer welche Rollen übernimmt, was Selbstständigkeit bedeutet – all das ist kulturell geprägt. Ergotherapeut:innen, die das übersehen, riskieren Missverständnisse, Therapieabbrüche und im schlimmsten Fall therapeutische Übergriffigkeit in Form des unbemerkten Aufzwingens eigener kultureller Normen. Ein Artikel, der zum Umdenken einlädt.

Kultursensibler Ergotherapie-Alltag: Betätigung ist nicht universell

Betätigung ist kein neutrales Konzept

Die Ergotherapie hat Betätigung ins Zentrum ihrer Profession gestellt. Doch was dabei leicht übersehen wird: Der Begriff „Betätigung“ ist kulturell nicht neutral. Er trägt westliche, individualistisch geprägte Annahmen in sich, die nicht universell gültig sind.

Was in mitteleuropäischen Praxen als therapeutisches Ziel formuliert wird – Selbstständigkeit beim Ankleiden, eigenständige Haushaltführung, unabhängige Mobilität – ist aus einer bestimmten kulturellen Perspektive heraus definiert. In anderen kulturellen Kontexten können Abhängigkeit, gemeinschaftliche Aufgabenteilung oder familiäre Fürsorge nicht als Defizit, sondern als erstrebenswerte Lebensform gelten.

Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Es ist therapeutische Alltagsrealität in Praxen, Kliniken und sozialen Einrichtungen, die längst kulturell heterogene Klientel betreuen.

Konkrete Stolperfallen im Ergotherapie-Alltag

Fehlendes kulturelles Bewusstsein zeigt sich selten in offensichtlichen Missverständnissen. Häufiger schleicht es sich in vermeintlich neutrale Alltagssituationen ein:

Rollenverständnis und Arbeitsteilung

Eine Ergotherapeutin arbeitet mit einem älteren Herrn aus einer kollektivistisch geprägten Familie daran, seinen Haushalt selbstständig zu führen. Die Familie reagiert befremdet, nicht weil sie nicht helfen will, sondern weil gegenseitige Versorgung in ihrer Familienstruktur Ausdruck von Würde und Zusammenhalt ist, nicht von Abhängigkeit. Das Therapieziel „Selbstständigkeit“ kollidiert daher mit einem Wertesystem, das gemeinsames Handeln höher gewichtet als individuelle Autonomie.

Zeitverständnis und Strukturierung

Pünktlichkeit, Terminplanung und Wochenpläne sind kulturell kodierte Konzepte. Klient:innen, die aus anderen Zeitkulturen stammen, werden schnell als „unzuverlässig“ oder „wenig therapiemotiviert“ wahrgenommen, obwohl das Problem in der therapeutischen Rahmensetzung liegt, nicht im Verhalten der Klient:innen.

Körper, Berührung und Scham

Was in der Körperarbeit als selbstverständlich gilt – bestimmte Berührungen, Entkleidung, Körperwahrnehmungsübungen – kann je nach kulturellem und religiösem Hintergrund mit tiefen Schamgefühlen oder Tabus verbunden sein. Klient:innen sprechen darüber selten offen, solange der therapeutische Rahmen keinen sicheren Raum dafür bietet.

Krankheitsverständnis und Ursachenzuschreibung

Diagnosen wie Depression, Demenz oder Schizophrenie werden kulturell sehr unterschiedlich verstanden und bewertet. In manchen Kontexten spielen spirituelle Erklärungsmodelle eine zentrale Rolle. Wer das als „Aberglaube“ abtut, verliert die therapeutische Beziehung und damit den Zugang zur Person.

Sprache und Kommunikationsbarrieren

Ein im Praxisalltag häufig unterschätztes Thema ist der Umgang mit Sprachbarrieren. Wenn Klient:innen die Therapiesprache nicht ausreichend beherrschen, werden Familienangehörige oft als informelle Dolmetscher:innen eingesetzt. Das birgt erhebliche Rollenkonflikte: Kinder, die für Eltern übersetzen, geraten in Loyalitätskonflikte und Schamgefühle und Tabuthemen bleiben unausgesprochen. Eine kultursensible Praxis bedeutet daher, den Einsatz professioneller Sprachmittler:innen zu ermöglichen und Assessmentmaterialien auf sprachliche Zugänglichkeit hin zu prüfen.

Kultursensibel befunden: Welche Fragen helfen

Ein kultursensibles Assessment beginnt nicht mit einem anderen Fragebogen, sondern mit einer anderen Haltung: echtes Interesse an der Lebenswelt der Person, statt Überprüfung von Defiziten anhand eigener Normen.

Hilfreiche Einstiegsfragen können sein:

  • „Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen zu Hause aus?“
  • „Wer ist in Ihrem Alltag wichtig und welche Aufgaben teilen Sie?“
  • „Was war Ihnen vor Ihrer Erkrankung / dem Unfall besonders wichtig in Ihrem Alltag?“
  • „Gibt es Dinge, bei denen ich als Therapeut:in auf etwas achten sollte, das Ihnen wichtig ist?“

Diese Fragen sind offen, wertschätzend und schaffen Raum für Antworten, die abseits standardisierter Assessmentformate liegen. Sie signalisieren: Ich frage, bevor ich bewerte.

Modelle, die weiterhelfen

Das KAWA-Modell nach Iwama (2007) ist ein prominentes Beispiel für kultursensibles ergotherapeutisches Denken. "Kawa" bedeutet auf Japanisch "Fluss". Statt des westlichen Konstrukts von Betätigung und Funktion ist die Grundidee, dass die Gesundheit und Teilhabe von dem Lebensfluss des Wassers abhängen. Das Modell verwendet eine allen vertraute Naturmetapher und ermöglicht dadurch einen Zugang, der für Menschen aus kollektivistisch geprägten Kulturen häufig intuitiver verständlicher ist.

Es sei jedoch angemerkt, dass auch das Model of Human Occupation (MOHO) nach Kielhofner et al. (1980) kultursensible Anknüpfungspunkte beinhaltet. Insbesondere das Konzept der Volition, das die Motivation, persönliche Bedeutungszuschreibungen und den Willen umfasst, sowie die Berücksichtigung sozialer, kultureller und physischer Umweltfaktoren ermöglichen eine differenzierte Betrachtung von Betätigung im jeweiligen Lebenskontext. Eine Gegenüberstellung von MOHO als ausschließlich westlich-individualistisch und dem KAWA-Modell als ausschließlich kollektivistisch orientiert greift daher zu kurz.

Das Occupational Justice Framework (OJHQ) stellt die Frage, wer überhaupt Zugang zu bedeutungsvoller Betätigung hat und macht strukturelle, gesellschaftliche und kulturelle Ungleichheiten sichtbar (Townsend & Wilcock, 2004). Kultursensible Ergotherapie beginnt nicht nur in der Therapiestunde, sondern im Bewusstsein für systemische Benachteiligungen.

Das Person-Environment-Occupation-Performance (PEOP)-Modell nach Christiansen und Baum (1991) bietet durch seine explizite Umweltperspektive Anknüpfungspunkte. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass Umwelt nicht ausschließlich physisch oder sozial verstanden wird, sondern kulturelle Werte, Normen und Lebensweisen ausdrücklich in die Betrachtung einbezogen werden.

Intersektionalität: Kultur ist nicht alles

Kultursensibilität darf nicht dazu führen, Kultur als monolithischen Block zu verstehen. Einzelne Klient:innen lassen sich nicht auf ihre Herkunftskultur reduzieren. Das wäre eine neue Form von Stereotypisierung. Neben der Kultur wirken immer auch Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status, Migrationsgeschichte und individuelle Biografie. Diese Faktoren überlagern und verstärken sich gegenseitig (Intersektionalität). Kultursensible Praxis bedeutet deshalb: kontextsensibel fragen, nicht kulturell schubladisieren.

Die eigene kulturelle Brille erkennen

Kultursensibilität beginnt nicht beim Klienten, sondern bei den Therapierenden. Jede professionelle Handlung ist geprägt durch eigene kulturelle Sozialisation: durch Werte, Normen und Annahmen, die so selbstverständlich geworden sind, dass sie unsichtbar wirken.

Reflexionsfragen für den Alltag:

  • Welche Vorstellung von einem „guten Leben“ steckt hinter meinen Therapiezielen?
  • Wessen Normalität messe ich als Standard?
  • Wann habe ich zuletzt eine Therapieentscheidung in Frage gestellt, weil sie kulturell einseitig war?

Diese Selbstreflexion ist kein einmaliger Akt, sondern eine professionelle Haltung, die kontinuierliche Pflege braucht – idealerweise gestützt durch Supervision, kollegialen Austausch und Weiterbildung.

Fazit: Betätigung ist immer Kultur

Kultursensible Ergotherapie ist keine Spezialdisziplin für „besondere“ Klient:innengruppen. Sie ist professioneller Standard in einer Gesellschaft, die kulturell vielfältig ist und es bleibt. Wer Betätigung wirklich in den Mittelpunkt stellt, muss anerkennen, dass Betätigung ohne kulturellen Kontext nicht verstehbar ist.

Das bedeutet nicht, alle eigenen Annahmen über Bord zu werfen. Es bedeutet, sie zu kennen und offen zu sein dafür, dass andere Lebensweisen nicht weniger gültig sind als die eigene.

Quellen:

  • Christiansen, C., & Baum, C. (1991). Occupational therapy: Overcoming human performance deficits.
  • Iwama, M. K. (2007). Kawa-(Fluss)-Modell-Überwinden kultureller Begrenzungen der zeitgenössischen Theorie der Ergotherapie. ergoscience, 2(03), 107-119.
  • Kielhofner, G., Burke, J. P., & Igi, C. H. (1980). A model of human occupation, part 4. Assessment and intervention. The American Journal of Occupational Therapy, 34(12), 777-788.
  • Townsend, E., & A. Wilcock, A. (2004). Occupational justice and client-centred practice: a dialogue in progress. Canadian journal of occupational therapy, 71(2), 75-87.

Buch-Tipp

Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, 2010

Diskussionsforum

Aktuelle Forenthemen

Veranstaltungskalender

Kommende Veranstaltungen

Marktplatz & Stellenbörse

nach oben scrollen