Tränen in der Therapie gehören zum Berufsalltag und können dennoch verunsichern. In diesem persönlichen Erfahrungsbericht beschreibt Ergotherapeutin Sabrina Heizmann, wie sie mit emotionalen Momenten im therapeutischen Alltag umgeht und welche Strategien ihr helfen, den therapeutischen Rahmen sicher zu halten. Ergänzt durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigt der Beitrag, wie sich Tränen in Einzel- und Gruppensituationen professionell begleiten lassen. Praxisnahe Formulierungsbeispiele und konkrete Handlungsempfehlungen unterstützen dabei, im Umgang mit starken Emotionen mehr Sicherheit zu gewinnen.
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Tränen in der Therapie: Emotionen wahrnehmen und den therapeutischen Rahmen halten
Ich schaue auf meine Unterlagen und frage: „Ich sehe gerade, dass es für Sie nächste Woche schon nach Hause geht. Gibt es dazu noch ein Anliegen, bei dem ich Sie unterstützen kann?“
Dann schaue ich auf und merke sofort, dass sich etwas verändert hat. Die Klientin blickt zur Seite, ihre Augen werden rot, sie spricht nicht. Kurz davor hatten wir noch an mehreren für sie wichtigen Alltagsanliegen gearbeitet. Sie wirkte sicher und die Stimmung war gelöst. Jetzt ist der Raum plötzlich ein anderer.
Ich werde ruhiger, atme bewusst länger aus als ein und bleibe zugewandt. Dann frage ich, ob sie ein Taschentuch braucht. Sie nickt.
Tränen gehören zum therapeutischen Alltag, auch wenn selten darüber gesprochen wird. In der Ergotherapie entstehen sie oft in Situationen, in denen es um etwas Konkretes geht, etwa um die Sorge vor dem Verlust von Selbstständigkeit, den beruflichen Wiedereinstieg oder die Entlassung nach Hause. Gleichzeitig sprechen wir über Betätigungen, die für Menschen bedeutsam sind. Sie gehören zur selbstständigen Alltagsbewältigung und auch zum Selbstbild.
Das Weinen von Patient:innen kann uns als Therapierende verunsichern, besonders wenn solche Situationen noch nicht oft erlebt wurden oder wenn das Thema sehr schwer wirkt. Der erste Impuls ist häufig, schnell zu beruhigen oder eine Lösung anzubieten. Sätze wie „Das wird schon!“ sind hier jedoch oft fehl am Platz. Aus der Gesundheitskommunikation lässt sich eine evidenzinformierte Haltung ableiten: Emotionen wahrnehmen, kurz benennen und nicht vorschnell zum nächsten Thema übergehen (Childers et al., 2023; Moore et al., 2018).
Ein Satz kann zunächst reichen:
„Ich sehe, dass Sie das gerade sehr bewegt.“
Danach darf eine Pause entstehen. Diese Pause gibt der betroffenen Person Raum, sich selbst zu sortieren oder zu korrigieren. Zugleich zeigt sie: Die emotionale Reaktion wird nicht wegignoriert.
In der Einzeltherapie
In der Einzeltherapie können Tränen eine wichtige therapeutische Information sein. Dann lohnt sich eine ruhige, fokussierte Frage:
„Was daran löst diese Emotionen in Ihnen aus?“
Oder:
„Welche Gedanken an zu Hause machen Ihnen dabei am meisten Sorgen?“
So bleibt der Bezug zur Therapie erhalten. Es geht darum, zu verstehen, welche Betätigung betroffen ist und welche Sicherheit fehlt. Danach kann gemeinsam festgelegt werden, welcher nächste Schritt realistisch und hilfreich erscheint.
Gleichzeitig braucht es klare Grenzen. Heilmittelerbringende müssen emotionale Belastung nicht vollständig auffangen. Wenn Themen deutlich über den eigenen Auftrag hinausgehen oder die Belastung von Klient:innen sehr hoch bleibt, sollte weitere Unterstützung einbezogen werden. In der Klinik können das zum Beispiel Psycholog:innen, psychoonkologischer Dienst, Sozialdienst, ärztlicher Dienst oder Seelsorge sein.
Ein Klient erzählte mir unter Tränen von seiner starken Angst vor einem Krebsrezidiv. Diese Angst lähme ihn, Schritte für seine Zukunft zu planen. Gemeinsam beschlossen wir, neben der medizinischen Abklärung auch psychologische Unterstützung in seinem Umfeld zu suchen.
Eine mögliche Formulierung ist:
„Wir können hier in der Therapie gemeinsam schauen, was das für Ihren Alltag bedeutet. Für die seelische Belastung sehe ich zusätzliche Unterstützung als sinnvoll an.“
Das ist kein Wegschieben, sondern Teil einer professionellen Versorgung.
In Gruppensituationen
In Gruppen ist die Situation noch einmal anders. Wenn eine Person weint, verändert sich auch die Stimmung der anderen Gruppenteilnehmer:innen. Der therapeutische Rahmen sollte gehalten werden, ohne die Emotion zu ignorieren.
Gerade bei meinen Vorträgen oder Edukationseinheiten beobachte ich immer wieder, dass Menschen still weinen. Hier ist es nicht hilfreich, die Person direkt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Ein Blickkontakt, ein Nicken oder ein ruhiger Satz können reichen.
Zum Beispiel:
„Ich sehe, dass das Thema gerade viel auslöst. Das darf sein. Wer möchte, kann mich nach der Einheit gern ansprechen.“
Damit wird die Emotion des/der Einzelnen gesehen, ohne die Gruppe zu unterbrechen oder die betroffene Person bloßzustellen. Die Einheit kann weiterlaufen, und trotzdem bleibt ein Angebot für ein persönliches Gespräch bestehen.
Nach der Gruppe kann ein geschützter Moment angeboten werden:
„Ich habe gesehen, dass Sie vorhin sehr berührt waren. Möchten Sie kurz darüber sprechen oder passt ein anderer Zeitpunkt besser?“
Auch zu Beginn einer Gruppe kann eine kurze Rahmung helfen:
„Manche Themen können emotional werden. Wenn etwas Persönliches aufkommt, können wir im Anschluss in Ruhe sprechen.“
So wird deutlich: Emotionen dürfen da sein. Nicht alles muss im Plenum besprochen werden.
Eigene Unsicherheit ernst nehmen
Weinende Klient:innen können auch Therapierende fordern. Das ist kein Zeichen fehlender Kompetenz oder Empathie, sondern zeigt, dass auch solche Situationen Vorbereitung und Ansprache brauchen.
Hilfreich sind klare Absprachen im Team: Wer ist bei hoher emotionaler Belastung ansprechbar? Welche Angebote gibt es im Haus? Wann wird weiterverwiesen? Was wird dokumentiert?
Gerade in Kliniken lohnt es sich, diese Fragen nicht erst im akuten Moment zu klären. Kommunikationstrainings können unterstützende Gesprächsführung verbessern und helfen, nicht nur Informationen zu vermitteln, sondern auch emotional angemessen zu reagieren (Moore et al., 2018).
Leitende Gedanken
Für den therapeutischen Alltag lässt sich festhalten:
- →Emotion wahrnehmen und kurz benennen
- →Nicht vorschnell beruhigen oder relativieren
- →In der Einzeltherapie den Bezug zur Betätigung herstellen
- →In Gruppen den Rahmen halten und Gespräche nach der Einheit anbieten
- →Bei hoher Belastung interprofessionelle Unterstützung einbeziehen
- →Schwierige Situationen vorab gedanklich durchspielen und im Team feste Wege vereinbaren
- →Relevante Inhalte sachlich dokumentieren, besonders bei Weiterleitung
Kurzfazit
Situationen mit weinenden Klient:innen lassen sich besser halten, wenn vorab klar ist, wie in unterschiedlichen Settings reagiert werden kann. Das reduziert Unsicherheit bei Therapierenden und schafft einen Rahmen, in dem Emotionen gezeigt werden dürfen, ohne dass die Therapie ihre Struktur verliert.
Für uns können Tränen zudem ein wichtiger Hinweis sein: Oft wird dadurch sichtbar, welches Thema im Alltag der Klient:innen wirklich Gewicht hat. Entscheidend ist ein ruhiger Umgang, der die Emotion wahrnimmt, den therapeutischen Rahmen hält und bei Bedarf weitere Unterstützung einbezieht.
Quellen:
- Childers, J. W., Bulls, H., & Arnold, R. (2023). Beyond the NURSE acronym: The functions of empathy in serious illness conversations. Journal of Pain and Symptom Management, 65(4), e375–e379. https://doi.org/10.1016/j.jpainsymman.2022.11.029
- Moore, P. M., Rivera Mercado, S., Grez Artigues, M., & Lawrie, T. A. (2018). Communication skills training for healthcare professionals working with people who have cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2018(7), Article CD003751. https://doi.org/10.1002/14651858.CD003751.pub4
Über die Autorin:
Sabrina Heizmann
- Ergotherapeutin in einer onkologischen Rehaklinik
- Masterstudentin im Studiengang Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie an der HAWK
- Mitgründerin von Institut Wissen (InWi)