Menschen mit Demenz bringen ihre gesamte Lebensgeschichte in die Erkrankung mit. Dazu gehören auch sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. Für ältere queere Menschen spielen dabei häufig Erfahrungen mit Diskriminierung, Ausgrenzung oder strafrechtlicher Verfolgung eine wichtige Rolle. Gleichzeitig werden diese Lebensgeschichten im Pflege- und Versorgungsalltag oft nicht berücksichtigt. Für Angehörige und Fachkräfte können so Unsicherheiten entstehen, die sich durch Wissen und Sensibilität verringern lassen. Eine neue Broschüre der Deutschen Alzheimer Gesellschaft unterstützt dabei, einen sensiblen Umgang mit dem Thema zu entwickeln.
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Was bedeutet „queer" im Kontext Demenz?
„Queer" ist ein Sammelbegriff für Menschen, die im Bereich Sexualität und Geschlechtsidentität in vielfältiger Weise von der klassischen Vorstellung von Frau und Mann beziehungsweise der heterosexuellen Norm abweichen. Die Abkürzung LSBTIQA* bezeichnet lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen. Das „A" steht für aromantische, asexuelle oder ageschlechtliche Menschen; das Sternchen verweist darauf, dass es noch viele weitere Varianten sexueller Identität gibt.
Gerade für ältere queere Menschen spielt auch die Geschichte der Diskriminierung und strafrechtlichen Verfolgung, der sie in ihrem Leben ausgesetzt waren, eine wichtige Rolle. Viele von ihnen mussten einen großen Teil ihres Lebens verbergen, wer sie sind, oder nach außen eine andere Rolle einnehmen.
Warum das Thema besondere Relevanz hat
Eine Demenz kann dazu führen, dass frühere Lebensphasen wieder stärker präsent werden oder Hemmschwellen nachlassen. So erinnert sich jemand beispielsweise nicht mehr an seinen schwulen Lebenspartner, sondern nur noch an die frühere Ehefrau. Es kommt auch vor, dass Menschen, die ihr Leben lang entsprechend gesellschaftlicher Erwartungen gelebt haben, sich erst im Verlauf der Demenz als homosexuell zeigen oder sich entsprechend ihrer eigentlichen Geschlechtsidentität kleiden. Solche Situationen können Angehörige ebenso wie Fachkräfte vor neue Herausforderungen stellen und erfordern einen sensiblen, personzentrierten Umgang.
Neue Broschüre unterstützt Angehörige und Fachkräfte
Anfang Juni 2026 haben die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz (DAlzG) und das Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein die Broschüre „Demenz und queer – Vielfalt denken, sehen, ermöglichen!“ veröffentlicht. Sie geht auf ein Projekt des Kompetenzzentrums Demenz in Schleswig-Holstein zurück und liegt nun in einer erweiterten und überarbeiteten Auflage vor.
Die Broschüre richtet sich an An- und Zugehörige, Fachkräfte, Beratungsstellen und Einrichtungen. Ziel ist es, für die Vielfalt queerer Lebensgeschichten im Kontext Demenz zu sensibilisieren, Diskriminierung vorzubeugen und den Zugang zu Pflege und Beratung zu erleichtern.
Thematisch reicht die Broschüre von queerer Vielfalt und historischen Erfahrungen älterer LSBTIQA*-Menschen über den sensiblen Umgang mit Begrifflichkeiten bis hin zu praktischen Fragen rund um Unterstützungsmöglichkeiten, Pflegeeinrichtungen und den Umgang in Einrichtungen. Ergänzend finden sich konkrete Anregungen für Mitarbeitende und Leitungspersonen sowie ein Glossar zur Einordnung wichtiger Begriffe. Die Inhalte stehen auch als vollständig eingesprochene Hörversion zur Verfügung, die von der Podcasterin Christine Schön („Demenz Podcast“) gesprochen wurde. Zusätzlich ist ein Begleitplakat erhältlich.
Bedeutung für die Ergotherapie
Ergotherapeut:innen begleiten queere Menschen mit Demenz oft über lange Zeiträume und in sehr persönlichen Alltagssituationen. Die beschriebenen Konstellationen, in denen frühere Lebensphasen wieder präsent werden oder sich Identitätsaspekte im Krankheitsverlauf stärker zeigen, sind deshalb auch im ergotherapeutischen Praxisalltag relevant.
Die personzentrierte Grundhaltung der Ergotherapie, die individuelle Lebensgeschichte, Rollen und Betätigungsidentität in den Mittelpunkt stellt, macht es notwendig, queere Biografien aktiv wahrzunehmen und angemessen zu berücksichtigen. Das gilt umso mehr, als Menschen mit Demenz sich zunehmend weniger selbst vor Diskriminierung oder Missverständnissen schützen können und dabei auf einen respektvollen und sensiblen Umgang durch Fachkräfte angewiesen sind.
Die Broschüre bietet eine praxisnahe Grundlage, die sowohl für die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema als auch für teaminterne Reflexionen und die Beratung von Angehörigen genutzt werden kann.
Ergänzender Leitfaden von Alzheimer Europe
Für Interessierte, die tiefer in das Thema einsteigen möchten, ist zudem ein Sensibilisierungsleitfaden von Alzheimer Europe verfügbar. Er gibt Empfehlungen, wie eine einfühlsame, respektvolle und qualitativ hochwertige Betreuung von Menschen mit Demenz gelingen kann, unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung. Auch dieser Leitfaden steht kostenlos als PDF zur Verfügung.
Broschüre und ergänzende Materialien
Die Broschüre ist kostenfrei als Printversion, PDF und Hörversion erhältlich. Weitere Informationen sowie Download- und Bestellmöglichkeiten finden sich unter:
www.deutsche-alzheimer.de/demenz-wissen/demenz-und-queer