Anzeigen:
Sie sind hier: Neuigkeiten >> Dark Side Occupations: Wenn Betätigungen in der Ergotherapie zum ethischen Spannungsfeld werden

Dark Side Occupations: Wenn Betätigungen in der Ergotherapie zum ethischen Spannungsfeld werden

Klient:innenzentrierung bedeutet, die Lebenswelt eines Menschen ernst zu nehmen – auch dann, wenn sie gesellschaftlich umstrittene oder ethisch sensible Themen umfasst. Eine aktuelle europaweite Befragung hat gezeigt, dass solche sensiblen Themen in der ergotherapeutischen Praxis unterschiedlich behandelt werden. Daraus ergeben sich essentielle Fragen: Wo verlaufen die professionellen Grenzen, und welche Konsequenzen hat es, wenn bestimmte Betätigungen nicht im therapeutischen Gespräch zur Sprache kommen?

Dark Side Occupations: Wenn Betätigungen in der Ergotherapie zum ethischen Spannungsfeld werden

Gesellschaftlich umstrittene Betätigungen

Die Ergotherapie betrachtet Betätigungen als gesundheitsförderlich und sinnstiftend. Das Konzept der Dark Side Occupations erweitert diese Perspektive um Aktivitäten, die für Klient:innen subjektiv von Bedeutung sind, gleichzeitig jedoch gesellschaftlich stigmatisiert oder moralisch problematisch sind (Rodová et al., 2026). Dazu zählen etwa Suchterkrankungen, exzessives Glücksspiel, riskantes Freizeitverhalten, Rauchen, exzessive Mediennutzung, Autofahren trotz Fahrverbot oder Aspekte der Sexualität.

Mit einer europaweiten Befragung von Ergotherapeut:innen aus 32 Ländern untersuchten Rodová et al. (2026) erstmals, wie häufig solche Themen im therapeutischen Alltag angesprochen werden und wie Fachpersonen dem Konzept der Dark Side Occupations gegenüberstehen.

Sensible Themen bleiben häufig ungesehen

Die Befragung von Rodová et al. (2026) zeigt deutliche regionale Unterschiede. Während Ergotherapeut:innen in Nord- und Westeuropa sensible Themen vergleichsweise häufiger ansprechen, geschieht dies in Mittel- und Osteuropa sowie Südeuropa deutlich seltener. Besonders Sexualität, Suchtthemen und andere kontroverse Betätigungen werden dort seltener in therapeutische Gespräche einbezogen.

Anzumerken ist, dass dies meist nicht auf eine ausdrückliche Ablehnung zurückzuführen ist, sondern bestimmte Themen grundsätzlich gar nicht erst angesprochen werden. Rodová et al. (2026) beschreiben dieses Muster als eine Form vorweggenommener Vermeidung. Dadurch erhalten Klient:innen unter Umständen gar nicht erst die Gelegenheit, für sie bedeutsame Lebensbereiche gemeinsam in der Therapie zu reflektieren. Sexualität erwies sich als häufigstes Tabuthema.

Die Exklusion bestimmter Lebensbereiche könnte jedoch die Autonomie der Klient:innen einschränken und den Dialog in der Therapie begrenzen. Viele Therapeut:innen berichten, dass sie Themen nicht bewusst ausschließen, sondern ihre Gesprächsführung kontextabhängig gestalten. Dies deutet darauf hin, dass die therapeutische Offenheit weniger von festen Regeln als vielmehr von kulturellen und institutionellen Rahmenbedingungen abhängt.

Ethische Spannungsfelder für Therapeut:innen

Der Umgang mit kontroversen Betätigungen betrifft nicht nur Klient:innen, sondern auch die Ergotherapeut:innen. Goddard (2021) beschreibt in seiner Fallstudie das Phänomen des moral distress, das entsteht, wenn Therapeut:innen ihre Werte aufgrund institutioneller Vorgaben nicht umsetzen können. Diese beruflichen Spannungen können Frustration und emotionale Erschöpfung hervorrufen und im Extremfall zur Überlegung führen, den Arbeitsplatz zu wechseln.

Rodová et al. (2026) führen die regionalen Unterschiede vor allem auf kulturelle Normen, gesellschaftliche Erwartungen, institutionelle Rahmenbedingungen und professionelle Rollenvorstellungen zurück. Auch Vorstellungen über Alter, Geschlecht oder soziale Rollen können beeinflussen, welche Betätigungen überhaupt thematisiert werden. Therapeutisches Schweigen spiegelt deshalb häufig gesellschaftliche Normen wider – nicht nur individuelle Zurückhaltung – und ist oft kein Zeichen mangelnder Klient:innenzentrierung, sondern das Ergebnis komplexer ethischer Überlegungen.

Ein weiterer Befund betrifft die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Befragten gaben an, sensible Themen nur selten mit Fachpersonen aus Psychologie, Psychiatrie oder Suchttherapie zu besprechen. Gerade bei komplexen Fragestellungen rund um Abhängigkeit oder andere risikobehaftete Betätigungen sehen Rodová et al. (2026) hierin einen wichtigen Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung der Praxis.

Praktische Implikationen für die Ergotherapie

Die Studienergebnisse von Rodová et al. (2026) laden Ergotherapeut:innen dazu ein, ihre eigene Haltung kritisch zu überprüfen. Klient:innenzentrierung bedeutet nicht, jede Betätigung zu befürworten, sondern offen dafür zu sein, was für den bzw. die individuelle Klient:in subjektiv bedeutsam ist – selbst wenn die Themen unter Umständen kontrovers oder irritierend sind.

Folgende Reflexionsfragen können dabei unterstützen:

  • Welche Themen spreche ich selbstverständlich an und welche eher nicht?
  • Welche persönlichen Werte beeinflussen meine therapeutischen Entscheidungen?
  • Welche Rolle spielen die Kultur meiner Einrichtung oder gesellschaftliche Erwartungen?
  • Wann ist interprofessionelle Zusammenarbeit sinnvoll oder notwendig?
  • Erhalten Klient:innen ausreichend Raum, sensible Themen ohne Vorverurteilung anzusprechen?

Professionelle Offenheit bedeutet keine Zustimmung

Zuletzt sei noch gesagt, dass die Ergebnisse von Rodová et al. (2026) nicht bedeuten, dass Ergotherapeut:innen jede Betätigung therapeutisch unterstützen müssen. Klient:innenzentrierung heißt zunächst nur, Raum für ein offenes Gespräch zu schaffen und die Bedeutung einer Betätigung für die betreffende Person zu verstehen.

Schwierige Themen müssen Ergotherapeut:innen dabei nicht allein bewältigen. Gerade bei gesundheitlich riskanten oder gesellschaftlich kontroversen Themen braucht es eine reflektierte professionelle Haltung, klare Orientierung und interprofessionelle Zusammenarbeit. Supervision, ethische Fallbesprechungen und der Austausch mit anderen Berufsgruppen können Unsicherheiten reduzieren und therapeutische Entscheidungen unterstützen. Auch Goddard (2021) betonte bereits die Bedeutung organisatorischer Unterstützung und ethischer Reflexionsräume.

Fazit

Die europaweite Befragung von Rodová et al. (2026) verdeutlicht, dass der Umgang mit gesellschaftlich sensiblen Betätigungen stark vom kulturellen und institutionellen Kontext abhängt. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Betätigungen therapeutisch unterstützt werden sollten, sondern ob sie überhaupt ein Teil des offenen Dialogs werden können. Professionelle Offenheit und ein bewusster Verzicht auf voreilige Urteile erweisen sich dabei als zentrale Voraussetzungen, um schwierige Themen im therapeutischen Kontext überhaupt zugänglich zu machen. Ein wertfreier Raum ermöglicht es Klient:innen, ihre Lebensrealitäten zu artikulieren und zu reflektieren, und bildet damit eine Grundlage für ein tieferes Verständnis ihrer Betätigungswelt.

Quellen:

  • Goddard, D. (2021). Moral distress among physical and occupational therapists: A case study. Physical & Occupational Therapy in Geriatrics, 39(3), 316–324.
  • Rodová, Z., Petrová, P., & Rogalewicz, V. (2026). European occupational therapists’ attitudes toward the dark side occupations: an in-depth E-survey in 32 countries. BMC Medical Ethics.

Buch-Tipp

Diskussionsforum

Aktuelle Forenthemen

Veranstaltungskalender

Kommende Veranstaltungen

Marktplatz & Stellenbörse

nach oben scrollen