Transfer von der Rehabilitation in den Alltag
Für unsere Patient:innen verändert sich in der Reha-Maßnahme über mehrere Wochen der Alltag deutlich. Therapiezeiten geben Struktur, Belastungen werden angepasst und viele Anforderungen und Rollen, die zu Hause selbstverständlich sind, treten in den Hintergrund.
Man könnte sagen: Die Rehabilitation legt eine Art Käseglocke über den Alltag.
Diese Käseglocke erfüllt einen wichtigen Zweck. Sie schafft einen geschützten Rahmen, in dem Menschen neue Erfahrungen sammeln und Strategien für den Umgang mit ihren Beschwerden entwickeln können. Gleichzeitig entsteht daraus eine Herausforderung: Was während der Rehabilitation gut funktioniert, muss nach der Entlassung in einen Alltag übertragen werden, der die zuvor ausgesetzten Anforderungen mit sich bringt. Mit der Rückkehr in die eigene Umgebung müssen Therapieinhalte ihren Platz im bestehenden Alltag finden.
Die Rehabilitation schafft neue Möglichkeiten, aber keinen neuen Alltag
Viele Patient:innen verlassen die Rehabilitation mit dem Wunsch, möglichst viel von dem mitzunehmen, was ihnen geholfen hat. Neue Bewegungsangebote, Strategien im Umgang mit Beschwerden oder Erfahrungen aus verschiedenen Therapieeinheiten können wertvolle Impulse sein.
Gleichzeitig entsteht manchmal die Vorstellung, nach der Entlassung alles umsetzen zu müssen. Der Wunsch, hilfreiche Erfahrungen aus der Rehabilitation beizubehalten, ist nachvollziehbar. Entscheidend ist jedoch die Auswahl dessen, was im eigenen Alltag tatsächlich weitergeführt werden kann.
Die Rehabilitation kann deshalb eher mit einem Buffet verglichen werden. Sie bietet verschiedene Möglichkeiten, aus denen Menschen auswählen können. Entscheidend ist nicht, möglichst viel mitzunehmen, sondern herauszufinden, welche Inhalte im eigenen Alltag tatsächlich weiterhelfen und auch weiterverfolgt werden können.
Vom Vorsatz zur Umsetzung
Eine häufige Herausforderung beim Transfer ist nicht das fehlende Wissen. Viele Menschen wissen, welche Aktivitäten ihnen helfen könnten. Schwieriger ist es, diese Erkenntnisse in einen Alltag einzubauen, der wieder durch andere Anforderungen geprägt ist.
Deshalb sollte der Übergang nach Hause nicht erst am Tag der Entlassung beginnen. Bereits während der Rehabilitation kann betrachtet werden, welche Inhalte aus der Rehabilitation im Alltag weitergeführt werden sollen und was dafür benötigt wird.
Eine Person, die nach der Rehabilitation ihr Krafttraining weiterführen möchte, braucht deshalb nicht nur Übungen, sondern auch eine Idee davon, wie das Training in einem bisher bestehenden Alltag mit Anforderungen stattfinden soll.
Auch die Zielarbeit in der Rehabilitation profitiert davon, wenn Patient:innen aktiv beteiligt werden und Ziele an persönlich bedeutsamen Ergebnissen ausgerichtet sind. Die Cochrane Review von Levack et al. (2015) gibt erste Hinweise darauf, dass strukturierte Zielarbeit insbesondere dann hilfreich sein könnte, wenn Patient:innen in die Zielauswahl einbezogen werden und die weitere Zielverfolgung unterstützt wird.
Nicht jede Veränderung muss sofort umgesetzt werden
Auch wenn viele Inhalte aus der Rehabilitation hilfreich waren, müssen sie nicht gleichzeitig umgesetzt werden. Der Alltag nach der Entlassung bietet dafür häufig weniger Raum als die Rehabilitation.
Deshalb kann es sinnvoll sein, zunächst eine Veränderung auszuwählen und diese bewusst in den Alltag zu integrieren. Weitere Ideen können später aufgegriffen werden. Entscheidend ist, eine Veränderung auszuwählen, die zur eigenen Lebenssituation passt und dadurch eine realistische Chance hat, dauerhaft bestehen zu bleiben.
Eine persönliche Liste mit hilfreichen Impulsen aus der Rehabilitation kann dabei unterstützen. Sie dient nicht als weitere Aufgabe, sondern als Erinnerung an Möglichkeiten, die bereits als hilfreich erlebt wurden. In regelmäßigen Abständen kann überprüft werden, ob ein weiterer Punkt aus dieser Sammlung aktuell zum eigenen Alltag passt und aufgenommen werden möchte.
Die Rolle der Ergotherapie im Transferprozess
Ergotherapie kann im Übergang von Rehabilitation zu Alltag eine wichtige Verbindung schaffen. Damit aus einem Reha-Impuls eine tatsächliche Veränderung im Alltag entstehen kann, braucht es mehr als die Entscheidung für eine bestimmte Aktivität. Gemeinsam kann betrachtet werden, wie der Alltag aktuell aufgebaut ist und an welcher Stelle eine neue Aktivität realistisch Platz finden kann. Dabei werden mögliche Barrieren identifiziert und Strategien entwickelt, die die Umsetzung erleichtern. Dazu kann auch gehören, zeitliche Puffer einzuplanen oder bereits während der Rehabilitation konkrete Vorbereitungen zu treffen.
Die daraus entstehenden Schritte können sehr unterschiedlich aussehen. Noch während der Rehabilitation kann beispielsweise ein passender Yogakurs organisiert oder eine Anfrage dafür per Mail gestellt werden. Für eine andere Person kann es sinnvoll sein, Trainingsmaterial für zu Hause anzuschaffen und die Nutzung bereits vorzubereiten (ggf. auch durch den Einbezug von Angehörigen). Ebenso kann sich zeigen, dass eine Idee oder eine Trainingsmethode aktuell noch nicht zum eigenen Alltag passt und zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgegriffen werden sollte.
Auch diese bewusste Vorbereitung und Auswahl gehört zu einem gelungenen Transfer.
Leitende Gedanken für die praktische Umsetzung
Für einen nachhaltigen Übergang von der Rehabilitation in den Alltag kann hilfreich sein:
- →Reha-Inhalte als Angebot verstehen und gemeinsam auswählen
- →Die Umsetzung bereits vor der Entlassung vorbereiten
- →Veränderungen an den persönlichen Lebensbedingungen und der Alltagsstruktur ausrichten
- →Mögliche Hindernisse im Alltag frühzeitig berücksichtigen
- →Nicht jede hilfreiche Maßnahme muss sofort übernommen werden. Eine persönliche Sammlung kann dabei helfen, später erneut zu prüfen, ob ein weiterer Impuls zum eigenen Alltag passt
- →Bei Bedarf Unterstützung nach der Entlassung organisieren, beispielsweise durch Angehörige oder weiterführende Therapieangebote wie ambulante Ergotherapie, wenn die Umsetzung im häuslichen Umfeld weitere Begleitung benötigt.
Kurzfazit
Die Rehabilitation schafft einen geschützten Rahmen, in dem Menschen neue Erfahrungen sammeln können. Der Alltag danach folgt jedoch anderen Bedingungen.
Ein nachhaltiger Transfer bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Inhalte aus der Rehabilitation mitzunehmen und umzusetzen. Entscheidend ist, die passenden Impulse gemeinsam mit der Person für diese auszuwählen und so vorzubereiten, dass sie im eigenen Leben und der individuellen Alltagsstruktur tatsächlich umgesetzt werden können.
Quellen:
- Levack, W. M. M., Weatherall, M., Hay Smith, E. J. C., Dean, S. G., McPherson, K., & Siegert, R. J. (2015). Goal setting and strategies to enhance goal pursuit for adults with acquired disability participating in rehabilitation. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015(7), CD009727. https://doi.org/10.1002/14651858.CD009727.pub2
Über die Autorin:
Sabrina Heizmann
- Ergotherapeutin in einer onkologischen Rehaklinik
- Masterstudentin im Studiengang Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie an der HAWK
- Mitgründerin von Institut Wissen (InWi)