Einsamkeit und soziale Isolation sind relevante Gesundheitsfaktoren. Die Forschung zeigt Zusammenhänge mit psychischer und körperlicher Gesundheit, kognitiver Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Mortalität. Für die Ergotherapie ist das Thema besonders bedeutsam, weil soziale Verbundenheit eng mit Betätigung, sozialen Rollen und Teilhabe im Alltag verknüpft ist. Menschen dabei zu unterstützen, genau das wieder zu erleben, berührt zentrale Anliegen der Ergotherapie.
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Einsamkeit: mehr als Alleinsein
Isolation versus Einsamkeit
Einsamkeit und soziale Isolation sind zwei unterschiedliche Phänomene. Während soziale Isolation vor allem das objektiv geringe Ausmaß sozialer Kontakte, Beziehungen und sozialer Teilhabe beschreibt, bezeichnet Einsamkeit das subjektive Erleben einer Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen (Peplau & Perlman, 1982). Ein Mensch kann von zahlreichen Personen umgeben sein und sich dennoch tief einsam fühlen. Umgekehrt kann eine Person mit wenigen sozialen Kontakten diese Situation als zufriedenstellend erleben.
Emotionale und soziale Einsamkeit
Für die klinische Praxis ist zudem die Unterscheidung zwischen emotionaler und sozialer Einsamkeit relevant (Weiss, 1973). Emotionale Einsamkeit entsteht, wenn eine enge, vertraute und emotional bedeutsame Beziehung fehlt. Soziale Einsamkeit beschreibt dagegen ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl zu einem größeren sozialen Umfeld, etwa zu einer Freundesgruppe, einem Verein oder einer Nachbarschaft. Beide Formen können gleichzeitig auftreten.
Für die Ergotherapie ist dabei eine klientenzentrierte Perspektive entscheidend: Im Zentrum steht weniger die Anzahl sozialer Kontakte als vielmehr die Frage, welche Form von Verbundenheit und sozialer Teilhabe für die jeweilige Person bedeutsam ist.
Wer ist betroffen?
Weltweit berichtet etwa jede sechste Person von Einsamkeit. Sie kann Menschen in allen Lebenssituationen betreffen: ältere Menschen nach dem Verlust naher Bezugspersonen, Menschen mit chronischen Erkrankungen, Personen in Umbruchphasen sowie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Ausgrenzungserfahrungen. Die WHO zeigt, dass soziale Isolation und Einsamkeit nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich häufig auftreten. Besonders häufig berichten Jugendliche und junge Erwachsene von Einsamkeit und mit steigendem Alter scheint die Prozentzahl zu sinken. Auch der sozioökonomische Kontext ist insofern relevant, dass in Ländern mit niedrigem Einkommen etwa 24,3 % der Menschen betroffen sind gegenüber 11 % in Ländern mit hohem Einkommen. Zwischen Frauen und Männern zeigt sich dagegen insgesamt nur ein geringer Unterschied (WHO, 2025). Solche Muster beschreiben statistische Tendenzen auf Bevölkerungsebene; sie sollten nicht dazu verleiten, einzelne Gruppen pauschal als homogen oder Einzelpersonen vorschnell einzuordnen.
Gesundheitliche Folgen: Was die Forschung zeigt
Eine Meta-Analyse von Holt-Lunstad et al. (2015) schloss 70 unabhängige Studien mit insgesamt mehr als 3,4 Millionen Teilnehmenden ein. Soziale Isolation, Einsamkeit und Alleinleben waren jeweils mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko verbunden, in einer Größenordnung, die mit etablierten Risikofaktoren für vorzeitige Mortalität vergleichbar war. Dabei ist zwischen Zusammenhang und Ursache zu unterscheiden: Gesundheitliche Einschränkungen können soziale Isolation begünstigen, umgekehrt kann anhaltende Einsamkeit gesundheitliche Belastungen verstärken. Häufig handelt es sich um wechselseitige Prozesse.
Psychische und körperliche Gesundheit
Der Bericht der WHO-Kommission für soziale Verbundenheit ordnet soziale Isolation und Einsamkeit als bedeutsame Risikofaktoren für Gesundheit und öffentliche Gesundheit ein und benennt dabei Zusammenhänge mit depressiven Symptomen, Angst, kardiovaskulären Erkrankungen sowie mit Veränderungen der Stressregulation und immunologischer Prozesse. Auch ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken wird in diesem Zusammenhang diskutiert (WHO, 2025).
Kognition und Demenz
Zwischen Einsamkeit, sozialen Beziehungen und kognitiver Gesundheit bestehen ebenfalls relevante Zusammenhänge. Der WHO-Bericht verweist auf mehrere Meta-Analysen, wonach Einsamkeit mit einem erhöhten Risiko für eine spätere Demenzerkrankung verbunden ist. Als mögliche Vermittlungswege werden geringere soziale und geistige Aktivität, depressive Symptome und vaskuläre Faktoren diskutiert, wobei die genauen Mechanismen noch nicht abschließend geklärt sind (WHO, 2025). Für die Ergotherapie ist hier vor allem relevant, welche Auswirkungen sozialer Rückzug auf die Alltagsstruktur und kognitive Aktivierung haben kann.
Alltag und Betätigung
Einsamkeit kann außerdem mit Rückzug, weniger sozialen Aktivitäten, reduzierter Alltagsstruktur und einem geringeren Erleben von Sinn und Zugehörigkeit einhergehen. Dabei entsteht häufig ein wechselseitiger Kreislauf: Weniger soziale Aktivitäten reduzieren Gelegenheiten für Begegnung, und Einsamkeit begünstigt wiederum Rückzug. Für die Ergotherapie stellt sich daher die Frage: Welche Betätigungen sind der Person wichtig? Welche sozialen Rollen wurden aufgegeben? Und welche Barrieren verhindern die Teilnahme?
Assessments für soziale Teilhabe und Einsamkeit
Betätigungsbezogene Assessments
Das COPM kann einen geeigneten Ausgangspunkt bilden, um zu erfassen, ob soziale Aktivitäten, soziale Rollen oder andere Formen der Teilhabe aus Sicht der Person problematisch oder eingeschränkt sind. Das OSA kann ergänzend die subjektive Einschätzung der eigenen Betätigungskompetenz und der Bedeutung verschiedener Betätigungsbereiche unterstützen. Das AMPS ist kein Einsamkeits- oder Teilhabeassessment, kann aber sinnvoll sein, wenn motorische oder prozessuale Schwierigkeiten die Durchführung sozial bedeutsamer Betätigungen erschweren.
Instrumente zur Erfassung von Einsamkeit
Für die direkte Erfassung von Einsamkeit eignen sich validierte Selbstauskunftsinstrumente: Die De Jong Gierveld Loneliness Scale erfasst in ihrer 6-Item-Kurzform allgemeine Einsamkeit und differenziert zwischen emotionaler und sozialer Einsamkeit (de Jong Gierveld & van Tilburg, 2006). Die UCLA Loneliness Scale wird international vor allem in Forschungszusammenhängen eingesetzt (Russell et al., 1980). Für verschiedene Versionen beider Instrumente liegt psychometrische Evidenz vor; welche Skala geeignet ist, hängt unter anderem von Zielgruppe, Anwendungsbereich und verfügbarer Sprachversion ab (WHO, 2025).
In der ergotherapeutischen Praxis werden solche Skalen eher ergänzend eingesetzt. Häufiger bietet sich an, Einsamkeit im Rahmen klientenzentrierter, betätigungsorientierter Assessments wie COPM oder OSA im Gespräch zu thematisieren. Dabei sollte nicht allein nach der Anzahl sozialer Kontakte gefragt werden, sondern danach, ob und in welchem Umfang die Person die für sie bedeutsamen sozialen Beziehungen, Rollen und Aktivitäten tatsächlich wahrnehmen kann. Validierte Instrumente können die klinische Einschätzung ergänzen, ersetzen aber weder das persönliche Gespräch noch die Betrachtung der individuellen Betätigungssituation. Bei der Auswahl eines Instruments sollte zudem berücksichtigt werden, ob für die jeweilige Zielgruppe eine geeignete deutschsprachige und psychometrisch geprüfte Version vorliegt.
Ein Fallbeispiel aus der Praxis
Herr M., 71 Jahre, Schlaganfall-Rehabilitation. Herr M. lebt seit dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren allein. Nach einem ischämischen Schlaganfall mit leichter Hemiparese links wird er in die ambulante Ergotherapie überwiesen, zunächst mit dem Ziel, Feinmotorik und Alltagskompetenzen zu verbessern.
Im COPM-Gespräch benennt Herr M. jedoch ein Problem, das auf der Überweisung nicht sichtbar wird: „Ich gehe kaum noch raus. Der Skatclub, bei dem ich früher war, das fühlt sich jetzt zu anstrengend an. Und ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich noch willkommen bin."
Neben den motorischen Einschränkungen wird damit ein weiterer Aspekt seiner Betätigungssituation sichtbar: eine verlorene soziale Rolle, verbunden mit Unsicherheit und der Befürchtung, nicht mehr dazuzugehören.
In der Zielvereinbarung werden deshalb neben den motorischen auch Betätigungsziele berücksichtigt: Herr M. möchte schrittweise zum Skatclub zurückkehren. Die therapeutische Planung verbindet beide Ebenen: Motorische Fähigkeiten werden so trainiert, dass sie für die gewünschte Betätigung relevant sind, während mögliche Barrieren analysiert werden, vom Weg zum Skatclub bis zur Gestaltung des ersten Kontakts. Nach acht Wochen berichtet Herr M. von einer verbesserten Alltagsstruktur und einem ersten Skatabend seit über einem Jahr.
Interventionsansätze: Was Ergotherapie leisten kann
Ergotherapiespezifische Wirksamkeitsstudien zu Einsamkeit und sozialer Isolation sind bislang noch rar. Auch in der ergotherapeutischen Literatur werden Einsamkeit und soziale Isolation bislang vergleichsweise selten explizit als eigenständige Themen behandelt (Collins et al., 2020). Ergotherapeutische Modelle bieten jedoch zahlreiche Ansatzpunkte, weil sie Betätigung, Rollen, Umwelt und Teilhabe in den Mittelpunkt stellen.
Der Blick in die Forschung zu älteren Erwachsenen zeigt: Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse findet für Tiertherapie, Multikomponenten-Interventionen, Bewegungsangebote, technologiebasierte Ansätze sowie Therapieformen wie die kognitive Verhaltenstherapie kleine bis große Effekte auf Einsamkeit und soziale Isolation. Aufgrund der hohen Heterogenität und der geringen Studienzahl pro Interventionstyp sind die Ergebnisse jedoch vorsichtig zu interpretieren (Hoang et al., 2022). Entscheidend ist deshalb weniger, Menschen grundsätzlich zu „sozialisieren“, als vielmehr die für die Person bedeutsame Form von Verbundenheit gezielt zu ermöglichen. Für die ergotherapeutische Praxis lassen sich daraus, in Anlehnung an das Person-Environment-Occupation-Modell (PEO) (Law et al., 1996), Ansatzpunkte auf drei Ebenen ableiten:
Betätigungsebene
Im Vordergrund stehen die Wiederaufnahme bedeutungsvoller sozialer Aktivitäten, die Analyse verlorener sozialer Rollen sowie der Aufbau einer alltagsnahen Tagesstruktur mit Raum für soziale Betätigungen. Auch Bewegungs- oder tiergestützte Angebote können hier ansetzen.
Umweltebene
Hier geht es um die Anpassung physischer und sozialer Umgebungen, die Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen sowie die Vernetzung mit Angeboten im Sozialraum, etwa Nachbarschaftshilfen oder Selbsthilfegruppen. Auch Mobilität, Barrierefreiheit, Kosten oder digitale Zugangsmöglichkeiten können darüber entscheiden, ob soziale Teilhabe im Alltag möglich ist. Technologiebasierte Ansätze, etwa digitale Kommunikationsmöglichkeiten, können ebenfalls unterstützen.
Personenbezogene Ebene
Im Mittelpunkt können die Bearbeitung konkreter sozialer oder emotionaler Barrieren, der Umgang mit Unsicherheit oder Scham sowie die Förderung von Selbstwirksamkeit durch erreichbare Betätigungsziele stehen. Strukturierte psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie zeigen hier ebenfalls Wirkung, liegen aber außerhalb des ergotherapeutischen Kernauftrags.
Einsamkeit in Dokumentation und Verordnung
Einsamkeit ist keine eigenständige ergotherapeutische Heilmittelindikation. Ergotherapie erfolgt auf Grundlage einer ärztlichen Verordnung bei einer zugrunde liegenden Erkrankung oder Funktionsbeeinträchtigung, etwa nach einem Schlaganfall, bei Depression oder Demenz. Dennoch können Einsamkeit, soziale Isolation und eingeschränkte soziale Teilhabe als relevante Aspekte der individuellen Betätigungssituation im Rahmen der ergotherapeutischen Befunderhebung und Zielplanung berücksichtigt und dokumentiert werden, sofern sie mit der zugrunde liegenden Problematik und den Betätigungszielen der Person zusammenhängen. Dies kann beispielsweise über COPM-Ausgangs- und Verlaufswerte oder eine entsprechende Zielformulierung im Behandlungsplan erfolgen.
Im ICF-Modell lässt sich das Thema insbesondere im Bereich Aktivitäten und Teilhabe sowie bei den Umweltfaktoren verorten. Die ICF erfasst dabei nicht die Einsamkeit selbst, sondern deren Auswirkungen auf Betätigung, Teilhabe und das soziale Umfeld.
Fazit: Soziale Teilhabe als ergotherapeutischer Ansatzpunkt
Einsamkeit und soziale Isolation sind relevante Gesundheitsfaktoren und stehen mit psychischer und körperlicher Gesundheit, kognitiver Gesundheit, Lebensqualität und Mortalität in Zusammenhang. Gleichzeitig können sie sich in der Lebensführung, im sozialen Miteinander und in der Teilhabe an bedeutungsvollen Aktivitäten widerspiegeln.
Für die Ergotherapie bedeutet das: Soziale Verbundenheit sollte dort berücksichtigt werden, wo sie für die Lebenssituation und die Ziele einer Person relevant ist. Aus ergotherapeutischer Perspektive kann Einsamkeit ein Hinweis darauf sein, dass wichtige Formen der Teilhabe oder Möglichkeiten sozialer Verbundenheit verloren gegangen sind. Im Vordergrund stehen die Beziehungen und Formen des Miteinanders, die für die einzelne Person Bedeutung haben. Die Anzahl sozialer Kontakte ist dabei weniger entscheidend.
Quellen:
- Collins, T., Davys, D., Martin, R., Russell, R., & Kenney, C. (2020). Occupational therapy, loneliness and social isolation: A thematic review of the literature. International Journal of Therapy and Rehabilitation, 27(10), 1–23.
- de Jong Gierveld, J., & van Tilburg, T. (2006). A 6-item scale for overall, emotional, and social loneliness: Confirmatory tests on survey data. Research on Aging, 28(5), 582–598.
- Hoang, P., King, J. A., Moore, S., Moore, K., Reich, K., Sidhu, H., Tan, C. V., Whaley, C., & McMillan, J. (2022). Interventions associated with reduced loneliness and social isolation in older adults: A systematic review and meta-analysis. JAMA Network Open, 5(10), e2236676.
- Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., Baker, M., Harris, T., & Stephenson, D. (2015). Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: A meta-analytic review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227–237.
- Law, M., Cooper, B., Strong, S., Stewart, D., Rigby, P., & Letts, L. (1996). The Person-Environment-Occupation Model: A transactive approach to occupational performance. Canadian Journal of Occupational Therapy, 63(1), 9–23.
- Peplau, L. A., & Perlman, D. (Eds.). (1982). Loneliness: A sourcebook of current theory, research and therapy. Wiley.
- Russell, D., Peplau, L. A., & Cutrona, C. E. (1980). The revised UCLA Loneliness Scale: Concurrent and discriminant validity evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 39(3), 472–480.
- Weiss, R. S. (1973). Loneliness: The experience of emotional and social isolation. MIT Press.
- World Health Organization. (2025). From loneliness to social connection: Charting a path to healthier societies.