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Schwindelerkrankungen ohne Befund: Wahrnehmungsstörung könnte Betroffene aus dem Gleichgewicht bringen

Patientinnen und Patienten, die unter funktionellem Schwindel leiden, haben oft eine Odyssee zu unterschiedlichen Ärzten hinter sich, da sich keine organischen Ursachen feststellen lassen. Eine aktuelle Untersuchung an der Technischen Universität München (TUM) zeigt: Erkrankte haben Probleme in der sensomotorischen Verarbeitung im Gehirn, die denen von Personen mit organischen Schwindel-Ursachen ähneln.

Schwindelerkrankungen ohne Befund: Wahrnehmungsstörung könnte Betroffene aus dem Gleichgewicht bringen

Schon vor einigen Jahren stellte das Münchner Forscherteam um Prof. Nadine Lehnen, Funktionsoberärztin der Psychosomatik am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar, die These auf, dass funktionelle Erkrankungen auf einer fehlerhaften Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen beruhen. Diese konnten sie nun mit einer ersten experimentellen Pilotstudie stützen.

Die Untersuchung wurde mit einer Gruppe aus neunzehn Probanden, davon acht mit funktionellem Schwindel und elf Gesunde, durchgeführt. Darüber hinaus wurden Daten von Schwindel-Patientinnen und -Patienten mit organischen Defekten herangezogen, die bereits in früheren Tests dasselbe Experiment durchlaufen hatten. Bei ihnen lag entweder eine Kleinhirnstörung vor oder sie hatten keine funktionierenden Gleichgewichtsnerven mehr.

Starke Defizite bei Schwindel-Patienten

Das Experiment fand in einem dunklen Raum statt, in dem links oder rechts an der Wand in schnellem Wechsel Lichtpunkte erschienen. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe diesen visuell zu folgen. Dabei wurden die Augen- und Kopfbewegungen erfasst. Im Anschluss wurde der gleiche Test noch einmal durchgeführt, nur trugen die Probanden hierbei einen Helm mit Gewichten, der die Trägheit des Kopfes verändert. Dadurch wackelte der Kopf bei Drehen stark.

Während die Gesunden ihre Bewegung schnell an die neuen Gegebenheiten anpassten und der Kopf bald nicht mehr wackelte, taten sich alle Teilnehmenden mit funktionellem Schwindel hierbei schwer. Überraschenderweise verhielten sich Letztere damit genauso wie die Probanden mit massiven organischen Schwindelursachen.

Unsere Ergebnisse machen beeindruckend klar, dass sich funktioneller Schwindel so äußerte wie schwere körperliche Erkrankungen, zum Beispiel der komplette Verlust der Funktion der Gleichgewichtsnerven. Das spiegelt wider, wie stark diese Menschen eingeschränkt sind“, so Nadine Lehnen.

Mögliche Erklärung für funktionellen Schwindel

Auf der Basis von Vorerfahrung, die im Gehirn in Form sogenannter gelernter Modelle gespeichert wird, bilden Menschen eine Erwartung über die sensorischen Eindrücke, die durch eine Bewegung entstehen. Diese Erwartung wird mit den Informationen zum Beispiel von den Gleichgewichtsorganen verglichen. Verhält sich der Kopf anders als normal, passen beide Informationen nicht mehr zusammen. Es entsteht ein sogenannter „Vorhersagefehler“, ein Ungleichgewicht zwischen Erwartung und Realität.

„Gesunde können diesen Fehler problemlos wahrnehmen, verarbeiten und ihre Bewegung anpassen. Bei funktionellen Schwindel-Patientinnen und -Pateinten scheinen die sensomotorischen Eindrücke jedoch nicht korrekt verarbeitet zu werden. Sie verlassen sich primär auf ihr gespeichertes Modell, das aber nicht mehr zur neuen Realität passt“, erklärt Lehnen und ergänzt: “Für uns war spannend, dass bei ihnen aber ein Lernen möglich ist - nur eben eingeschränkt.“ Für die Forscherin wäre es deshalb wichtig, diese Menschen mit therapeutischen Ansätze zu behandeln, die dieses Verarbeitungsdefizit berücksichtigen.

In einer großen Folgestudie sollen die aktuellen Ergebnisse nun noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden.

Originalpublikation

Nadine Lehnen, Lena Schröder, Peter Henningsen, Stefan Glasauer, Cecilia Ramaioli: Deficient head motor control in functional dizziness: Experimental evidence of central sensory-motor dysfunction in persistent physical symptoms, Progress in Brain Research, 2019, DOI: 10.1016/bs.pbr.2019.02.006.



Quelle: Technische Universität München (TUM)


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