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Vom Kellerraum zur Konzeptarbeit: Ergotherapie unter begrenzenden Bedingungen weiterentwickeln

- Ein Erfahrungsbericht von Sabrina Heizmann -

Handwerksraum im Keller, die gleichen festen Gruppen im Wochenplan, die gleichen Materialien für jede Gruppe. Das ist in vielen Kliniken Alltag für die Ergotherapie. Es funktioniert, es ist etabliert, und genau deshalb wird es selten grundlegend hinterfragt. Gleichzeitig sehen wir als Ergotherapeut:innen, wie viel wir gemeinsam mit Klient:innen bewirken können, wenn Alltag und Teilhabe stärker in den Mittelpunkt rücken.

Vom Kellerraum zur Konzeptarbeit: Ergotherapie unter begrenzenden Bedingungen weiterentwickeln

So war auch unsere Ausgangslage: eine Reha-Klinik mit onkologischer und geriatrischer Rehabilitation, ein gemeinsames Team für beide Fachbereiche. Mein Schwerpunkt liegt dabei in der Onkologie. Zu Beginn war der Zugang zu ergotherapeutischen Behandlungen im Wesentlichen über zwei Wege möglich. Es gab eine Sensibilitätsgruppe für Klient:innen mit Polyneuropathie (mit Raps, Bürsten, Kirschkerne und dergleichen) und Einzeltherapie, vor allem bei deutlichen Einschränkungen der Handfunktion.

Das war kein Fehlkonzept. Es war klinischer Standard für die Ergotherapie in dieser Einrichtung. Gleichzeitig blieb eine Spannung, denn betätigungsorientiertes Arbeiten war in diesem Rahmen kaum möglich.

Im Folgenden wird deshalb ein Veränderungsprozess anhand unseres eigenen Beispiels dargestellt: Wie aus einer „altgedienten“ Gruppe nach und nach ein Vorgehen wurde, das nun fachlich fundiert ist und im Klinikalltag Bestand hat.

Ausgangslage: Kontextdifferenz und feste Kliniklogik

Betätigungsorientierung ist im Kliniksetting nicht grundsätzlich unmöglich, häusliche Kontexte lassen sich jedoch häufig nicht abbilden. Rollenanforderungen, Tagesabläufe, Aufgaben und Materialien entsprechen nicht denen in der Häuslichkeit, daher werden spezifische alltagsbezogene Probleme meist erst nach der Entlassung sichtbar. Gleichzeitig sind die Abläufe in der Klinik eng getaktet und ein Hauch von „so machen wir das schon immer hier“ ist ein umfassendes Totschlagargument.

Die Frage war daher nicht „Was soll alles anders werden?“, sondern „Was lässt sich innerhalb dieser Rahmenbedingungen sinnvoll verändern und wie lässt sich das begründen?“

Schritt 1: Evidenz sichten, Risiko adaptieren, Ziel definieren

In meinem Team, damals zu zweit, fiel schnell auf, dass Polyneuropathie im onkologischen Setting ein zentrales Thema ist und relevant für Alltag, Sicherheit und Selbstständigkeit unserer Klient:innen. Gleichzeitig war unklar, ob der bisherige Ansatz (Stimulieren mit Bürsten und Raps) wirklich sinnvoll ist.

Der erste Schritt war deshalb bewusst klassisch evidenzbasiert. Wir haben uns informiert, wie die aktuelle wissenschaftliche Lage ist. Anschließend haben wir Kontakt zum Forschungsteam einer bestimmten Studie aufgenommen, die positive Ergebnisse beim Thema Gleichgewichtstraining bei Polyneuropathie aufgezeigt hatte. Ein konkreter Punkt unseres Austauschs war die Risikoadaptation. Die in der Studie beschriebene Trainingsform mit erhöhtem Sturzrisiko wollten wir so verändern, dass sie im Reha-Alltag sicher umsetzbar ist. Statt „Training auf instabilen Unterlagen“ entstand ein Konzept für gezieltes Gleichgewichtstraining, mit klaren Sicherheitsregeln.

Damit war die Richtung gesetzt: Es sollte ein Angebot entstehen, das einen nachvollziehbaren Kern hat und sich im Alltag der Reha gut und sicher durchführen lässt.

Schritt 2: Aus einer Idee wird ein Konzept, das im System bestehen kann

Im Prozess haben wir gelernt, dass Veränderung nicht nur durch eine gute Intervention entsteht, sondern vor allem durch gute Umsetzung. Also durch ein Konzept, das in die Struktur passt und nachvollziehbar ist.

Wir haben die Ergebnisse unserer Recherchen und die daraus resultierenden Maßnahmen deshalb nicht „nebenbei“ kommuniziert, sondern als Konzept aufbereitet und dem Chefarzt sowie der Geschäftsleitung vorgestellt. Zielgruppe, Zielsetzung, Ablauf, potenzielle Risiken, erwarteter Nutzen. Zusätzlich wurden andere Berufsgruppen (u.a. Physiotherapeut:innen) eingewiesen, damit das Training nicht von einzelnen Personen abhängt.

Zwischenbaustein: Gesundheitsedukation vor Gruppe und Training

Im Verlauf haben wir gemerkt, der Wissensstand der Klient:innen ist sehr unterschiedlich. Manche konnten ihre Symptome gut einordnen, andere waren verunsichert oder hatten widersprüchliche Informationen erhalten. Das beeinflusste die Erwartungshaltung, Motivation und auch den Umgang mit den aus den Symptomen resultierenden Belastungen.

Deshalb haben wir der Polyneuropathiegruppe einen kurzen Vortrag vorgeschaltet, bevor Klient:innen in die Sensibilitätsgruppe oder in das Gleichgewichtstraining gingen. Inhaltlich haben wir uns bei der Erstellung dieses Bausteins an der Leitlinie zur Polyneuropathie orientiert. Wichtig war uns vor allem die Interaktion. Wir entwickelten also keinen frontalen Vortrag, sondern eine Mischung aus Input, Fragen von Klient:innen, Beantwortung und Impulsen, um über Erfahrungen, Wahrnehmungen und alltagsbezogene Einschränkungen ins Gespräch zu kommen.

Übergeordnetes Ziel dieses Bausteins ist Gesundheitsedukation. Nach dem Vortrag sollen Klient:innen Beschwerden besser einordnen und aktuelle Therapieansätze besser verstehen und nachvollziehen können. Gleichzeitig öffnen wir hier bereits den Übergang in die Einzeltherapie und laden ausdrücklich dazu ein, bei konkreten Problemen im Alltag oder Beruf einen Einzeltermin in der Ergotherapie wahrzunehmen. Hemmschwellen zur Nutzung des Angebots konnten spürbar gesenkt werden.

Schritt 3: Sensigruppe bleibt, aber mit transparenter Einordnung

Parallel blieb die Sensibilitätsgruppe bestehen. Der Unterschied zur bisherigen Durchführung lag dabei weniger im verwendeten Material als vielmehr in der Einordnung der Anwendungen und deren Auswirkungen. Wir haben klar kommuniziert: „Dieses Angebot ist optional und die Evidenzlage begrenzt!“. Wenn Klient:innen die Stimulation durch die Materialien subjektiv als angenehm oder lindernd erleben, kann gemeinsam entschieden werden, ob und wie sich das in den Alltag übertragen lässt.

→ Mehr zur Einordnung traditioneller Maßnahmen und Materialien im Artikel „Rapswanne: Evidenzbasierte Maßnahme oder Beschäftigung?

Der Transfer wurde dabei nicht dem Zufall überlassen. Häufig hat ein Alltagsprotokoll geholfen, in dem festgehalten wurde, wo ist realistisch Zeit, was sind Hürden, welche Materialien sind verfügbar oder können beschafft werden und wer aus dem heimischen Umfeld der Klient:innen kann unterstützen. So wurde aus der Gruppe eher ein Baustein, der in den Alltag hinein verlängert werden kann, ohne ihn zum Hauptbestandteil der Therapie zu machen.

Schritt 4: Einzeltherapie wird betätigungsnäher, trotz Kliniksetting

Im Prozess hat sich auch der Zuschnitt der Einzeltherapien verändert. Der Fokus verlagerte sich stärker hin zum Alltagsmanagement und den zentralen Fragen und Problemen, die im täglichen Leben oder im Beruf tatsächlich relevant sind.

Da die Häuslichkeit nicht direkt beobachtbar ist, haben wir Betätigungen häufiger in Teilhandlungen zerlegt und gezielt geübt. Zum Beispiel hatte eine medizinische Fachangestellte aufgrund der Polyneuropathie in den Fingern die Sorge, Blutentnahmen nicht mehr sicher durchführen zu können. Statt allgemeiner Feinmotorikübungen wurde das Einbringen der Nadel als Teilhandlung isoliert geübt, mit Materialien aus dem Pflegekontext und verfügbaren Übungsobjekten (in diesem Fall entschied sich die Klientin für Zitrusfrüchte als Hautersatz). Das war keine perfekte Simulation des realen Arbeitsablaufes am realen Ort des Geschehens, aber sie war relevant für die Klientin und bestätigte sie darin, dass sie diese Tätigkeit am Arbeitsplatz trotz Einschränkungen wieder ausführen könnte. Ergänzend haben wir transparent besprochen, dass bei anhaltenden Problemen im Alltag oder Beruf nach der Entlassung auch ambulante Ergotherapie über eine ärztliche Verordnung möglich ist, inklusive kurzer Orientierung zu den Schritten der Verordnungsbeschaffung. So entstand bereits in der Reha ein „Anker“ für die Zeit zu Hause, falls die Schwierigkeiten dort wieder deutlicher werden.

Schritt 5: Weitere Bedarfe erkennen, Konzepte erweitern

Nach dem Thema Polyneuropathie gaben wir uns nicht zufrieden. Wir haben gezielt weiter recherchiert, welche Belastungen bei unserer Klientel darüber hinaus regelmäßig auftreten. Dabei zeigte sich schnell ein Muster von kognitiven Beschwerden und Fatigue. Dank dieser Erkenntnis wurde zunächst eine Hirnleistungsgruppe mit hohem Edukationsanteil etabliert, wiederum als Konzept aufbereitet und ärztlich sowie durch die Geschäftsleitung bewilligt.

Aktuell entsteht ein Fatigue-Programm gemeinsam mit Kolleg:innen der Psychologie. Auch hier bleibt der rote Faden derselbe: Bedarf erkennen, fachlich begründen, Konzept schreiben, risikoarm umsetzen, im Team und der Klinikstruktur anschlussfähig machen.

Zum Schluss: Nicht „aus einem Guss“ und nicht immer geradlinig

So, wie es hier beschrieben ist, liest es sich fast wie ein sauberer Projektplan. In der Realität war es ein Prozess, der Willensstärke, gemeinsame Haltung und das wiederholten Vertreten der eigenen fachlichen Perspektive verlangte. Doch es gab auch Rückenwind in Form von positivem Feedback der Klient:innen und der Rückmeldung, dass der Chefarzt gezielt nach unserer Arbeit und der Zufriedenheit der Klient:innen gefragt hat. Das hat uns bei der weiteren Entwicklung von Maßnahmen geholfen.

Es gab Rückschläge. Manches war zu ambitioniert. Ideen „out of the box“ sind nicht verboten, sie zeigen, wie wichtig Begründbarkeit ist, wenn Veränderungen im System Bestand haben sollen.

Der vielleicht wichtigste Punkt: Konzepte zu entwickeln und umzusetzen ist selten ein schneller Prozess. Sie entstehen Schritt für Schritt und im gemeinsamen Austausch mit dem Team. Und manchmal braucht es einfach Geduld.

Was es in unserem Fall gebraucht hat

  • Nachfragen, was im jeweiligen Klinik-Kontext von Ergotherapie konkret erwartet wird
  • Konzepte mit Evidenzbezug, inklusive Sicherheitslogik und erwartbarem Nutzen
  • Kommunikation im Team sowie mit ärztlicher Leitung und Geschäftsführung
  • Bestehendes weiterführen, aber neu ausrichten und transparent einordnen
  • Interprofessionelle Einbindung, inklusive Schulung anderer Berufsgruppen
  • Geduld sowie die Bereitschaft, nachzujustieren und aus Fehlern zu lernen

Was sich daraus auch für andere Settings ableiten lässt

Nicht jede Klinik hat Forschungskontakte oder viel Spielraum in der Struktur. Der Kern lässt sich dennoch übertragen: kleine Veränderungen mit klarer Zielsetzung, transparente Einordnung ergänzender Angebote und ein Blick darauf, was im Klinikalltag realistisch umsetzbar ist. Oft reicht das, um erste Prozesse in Bewegung zu bringen.

Über die Autorin:

Sabrina Heizmann

Sabrina Heizmann

  • Ergotherapeutin in einer onkologischen Rehaklinik
  • Masterstudentin im Studiengang Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie an der HAWK
  • Mitgründerin von Institut Wissen (InWi)

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