Nachhaltigkeit wird oft als Zukunftsthema behandelt. In der Versorgung ist sie jedoch längst angekommen. Klimatische, ökologische und gesellschaftliche Veränderungen beeinflussen bereits heute die Gesundheit, den Alltag und die Teilhabe von Menschen. Für die Ergotherapie entsteht daraus eine besondere fachliche Relevanz. Denn wenn sich Umweltbedingungen verändern, verändern sich auch die Möglichkeiten, wie Menschen ihren Alltag gestalten, soziale Rollen ausüben und an gesellschaftlichem Leben teilnehmen können.
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Nachhaltigkeit – kein neues Thema
Die Diskussion um Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung ist längst kein Randthema mehr. Der Klimawandel wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts beschrieben. Er beeinflusst unter anderem die Häufigkeit von Extremwetterereignissen, gesundheitliche Belastungen vulnerabler Gruppen und bestehende soziale Ungleichheiten.
Was bedeutet eine sich verändernde Umwelt für die Fähigkeit eines Menschen, seine gewohnten Betätigungen auszuführen? Laut Taff et al. (2025) ist der Klimawandel eine zentrale Belastung für die Ergotherapie. Denn Gesundheit entsteht nicht unabhängig von Umweltbedingungen, sondern stets im Zusammenspiel von Person, Handlung und Kontext. Daneben stehen strukturelle Hürden im Gesundheitswesen, ökonomische Interessenkonflikte und konsumorientierte Versorgungssysteme.
Klimawandel als Betätigungsrealität
In der Forschung zeigt sich eine Fokusverschiebung von einer makroökologischen Perspektive hin zu einer betätigungsorientierten Betrachtung von Umwelt und Alltag. Umweltveränderungen werden damit nicht nur als Kontext verstanden, sondern als aktiver Einfluss auf Betätigung. Sie bestimmen, wie, wann und ob Menschen ihren Alltag gestalten können.
Steigende Temperaturen, häufigere Extremwetterereignisse oder veränderte Lebensräume können dazu führen, dass Menschen:
- körperliche Aktivitäten reduzieren,
- soziale Kontakte weniger wahrnehmen,
- Routinen verlieren,
- ihre Selbstständigkeit einschränken müssen,
- neue Unterstützungsbedarfe entwickeln.
Besonders betroffen sind Menschen mit eingeschränkter Anpassungsfähigkeit, Ältere sowie Personen mit chronischen Erkrankungen. Die Aufgabe der Ergotherapie besteht daher nicht nur darin, Menschen an veränderte Bedingungen anzupassen, sondern auch darin, Umweltbedingungen kritisch zu betrachten und Handlungsmöglichkeiten neu zu gestalten.
Kollektive Betätigung und ökologische Verantwortung
Ein wichtiger Aspekt der aktuellen Forschung ist die Betrachtung kollektiver Betätigungen. Menschen handeln nicht isoliert, sondern innerhalb gesellschaftlicher Strukturen. Mobilität, Konsum, Versorgungssysteme und Arbeitsweisen sind Beispiele dafür. Diese kollektiven Handlungen beeinflussen ökologische Systeme und wirken gleichzeitig auf zukünftige Möglichkeiten menschlicher Teilhabe.
Für die Ergotherapie bedeutet dies eine Erweiterung des bisherigen Blickwinkels. Nachhaltigkeit darf nicht ausschließlich als individuelles Verhalten verstanden werden. Es geht nicht darum, einzelne Menschen für ökologische Probleme verantwortlich zu machen, sondern darum, Strukturen zu schaffen, die gesundheitsförderliches und nachhaltiges Handeln ermöglichen.
Versorgung unter Hitzestress
Extreme Hitzeperioden zeigen besonders deutlich, wie Umweltveränderungen Betätigung beeinflussen können. Eine ältere Person mit chronischen Bewegungseinschränkungen kann beispielsweise während einer Hitzewelle ihre täglichen Spaziergänge vermeiden. Dadurch reduziert sich nicht nur die körperliche Aktivität. Auch soziale Kontakte, Tagesstruktur und persönliche Routinen können verloren gehen.
Aus ergotherapeutischer Sicht entstehen daraus zentrale Fragen:
- Zu welchen Zeiten ist sichere Aktivität möglich?
- Welche Umweltanpassungen unterstützen weiterhin Selbstständigkeit?
- Welche alternativen Betätigungen erhalten Lebensqualität und soziale Teilhabe?
- Wie können Routinen unter veränderten Bedingungen angepasst und dennoch aufrecht erhalten werden?
Mögliche Interventionen reichen von Tagesstrukturierung, zeitlicher Verschiebung und Aktivitätsplanung über Wohnraumanpassungen bis zur Entwicklung individueller Strategien für den Umgang mit klimatischen Belastungen. Der Fokus des ergotherapeutischen Handlungsfeldes liegt nicht auf der Vermeidung von Aktivität, sondern stets auf dem Erhalt von Handlungsmöglichkeiten und der Anpassung von Betätigung im Zusammenspiel von Person und Umwelt. Auch partizipative Formate, in denen ältere Menschen Außenräume unter Hitzebedingungen erproben und neue Strategien für Aktivität entwickeln, sind hier zu nennen (Fransson et al., 2023).
Nachhaltigkeit in der ergotherapeutischen Praxis
Du et al. (2025) zeigen: Ergotherapeut:innen sehen eine wachsende Relevanz des Themas Klimawandel. Gleichzeitig fehlt jedoch oft ein klarer Handlungsrahmen im Berufsalltag. Das führt zu einer zentralen Spannung: Das Bewusstsein ist zwar vorhanden, die Umsetzung bleibt jedoch begrenzt. Taff et al. (2025) plädieren deshalb für eine stärkere Orientierung an Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und eine Erweiterung ergotherapeutischer Verantwortung in Richtung Anpassung, Reduktion von Belastungen und Resilienzförderung.
Moderne Praxen benötigen Materialien, Energie, digitale Infrastruktur und Mobilität. Jede Versorgung ist daher mit einem Ressourcenverbrauch verbunden.
Mögliche Ansatzpunkte für nachhaltigere Praxisstrukturen sind:
- Einsatz langlebiger und reparierbarer Materialien,
- bewusste Prüfung von Neuanschaffungen,
- Reduktion unnötiger Verbrauchsmaterialien,
- digitale Dokumentationsprozesse,
- effiziente Terminplanung zur Verringerung vermeidbarer Wege,
- bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen.
Dabei sollte Nachhaltigkeit nicht als zusätzlicher bürokratischer Aufwand verstanden werden. Viele Maßnahmen können gleichzeitig ökologische und wirtschaftliche Vorteile schaffen. Ein geringerer Materialverbrauch, optimierte Prozesse und eine gezielte Ressourcennutzung können langfristig auch zur Stabilität von Praxen beitragen.
Neue Kompetenzen
Forschung und Lehre zeigen eine zunehmende Integration von Nachhaltigkeit in die ergotherapeutische Ausbildung (Du et al., 2025 & Taff et al., 2025).
Im Fokus stehen:
- naturbasierte Interventionen für psychische Gesundheit
- digitale Formate zur Vermittlung von Klimakompetenz
- Lernen in und mit der Natur als therapeutischer Raum
Die Betätigung wird damit nicht nur angepasst, sondern in neue Umweltkontexte eingebettet.
Zwischen gesetzlichem Auftrag und Versorgungsrealität
Ergotherapie findet innerhalb eines gesetzlich regulierten Gesundheitssystems statt. Das Wirtschaftlichkeitsgebot des §12 SGB V verpflichtet die gesetzliche Krankenversicherung und Leistungserbringer dazu, Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich zu gestalten.
Gleichzeitig steht das Gesundheitswesen vor der Herausforderung, eine hochwertige Versorgung sicherzustellen und den eigenen Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Für Ergotherapiepraxen entsteht dabei ein Spannungsfeld zwischen Qualitätsanforderungen, wirtschaftlichem Druck, steigenden Versorgungsbedarfen, Fachkräftemangel und ökologischer Verantwortung.
Nachhaltige Versorgung muss daher realistisch gedacht werden: Sie darf nicht als zusätzliche Aufgabe einzelner Therapeut:innen verstanden werden, sondern benötigt strukturelle Unterstützung durch Gesundheitspolitik, Ausbildung und Versorgungssysteme.
Professionelle Verantwortung der Ergotherapie
Die Frage nach Nachhaltigkeit ist für die Ergotherapie eng mit ihrem professionellen Selbstverständnis verbunden.
Wenn Ergotherapie den Menschen immer im Zusammenhang mit seiner Umwelt betrachtet, gehört auch die Veränderung dieser Umwelt zum fachlichen Auftrag.
Die Verantwortung liegt dabei nicht darin, allein globale Klimaprobleme lösen zu müssen. Sie liegt vielmehr darin, professionelle Entscheidungen bewusst zu treffen:
- Welche Intervention unterstützt langfristig Teilhabe?
- Welche Ressourcen werden dafür benötigt?
- Welche Versorgungsschritte sind tatsächlich notwendig?
- Welche nachhaltigen Alternativen sind fachlich sinnvoll?
- Wie können Menschen befähigt werden, mit veränderten Umweltbedingungen umzugehen?
Nachhaltigkeit wird dadurch zu einer Frage professioneller Reflexion und Qualitätssicherung.
Reflexionsfragen für die Praxis
- → Welche klimatischen Faktoren beeinflussen bereits die Betätigung meiner Klient:innen?
- → Wo entstehen vermeidbare Ressourcenverluste in meiner Praxis?
- → Welche Interventionen sind klientenzentriert und zugleich ressourcenschonend?
- → Wie lässt sich Nachhaltigkeit ohne zusätzlichen Aufwand integrieren?
- → Welche Verantwortung übernehme ich im Kontext ökologischer Veränderungen?
Fazit
Nachhaltigkeit ist kein zusätzliches Spezialthema der Ergotherapie, sondern eine konsequente Erweiterung ihres professionellen Verständnisses. Wenn Betätigung immer im Zusammenspiel von Person, Aufgabe und Umwelt betrachtet wird, müssen auch ökologische Veränderungen berücksichtigt werden.
Die Verantwortung der Ergotherapie liegt dabei auf mehreren Ebenen: in der direkten Arbeit mit Klient:innen, in der Gestaltung nachhaltiger Versorgungsprozesse und in der Weiterentwicklung eines Gesundheitssystems, das auch unter veränderten Umweltbedingungen handlungsfähig bleibt.
Die entscheidende Frage ist daher: Wie gestaltet die Ergotherapie diesen Wandel fachlich fundiert, verantwortungsvoll und gemeinsam mit und für die Menschen, die sie begleitet?
Quellen:
- Du, J., Bird, A., Boniface, G., Boniface, J., & Mortenson, W. B. (2025). The perceived role of occupational therapists in climate change. Canadian Journal of Occupational Therapy, 92(1), 60-70.
- Fransson, A., Björklund Carlstedt, A., & Gustafsson, S. (2023). Older adults’ occupations in heat waves: A scoping review. Scandinavian Journal of Occupational Therapy, 30(7), 1000-1015.
- Taff, S. D., Yoo, M. G., Carlson, K. A., & Bakhshi, P. (2025). Climate change and occupational therapy: Meeting the urgent need for adaptation, mitigation, and resilience. Occupational Therapy in Health Care, 39(2), 296-313.
- World Health Organization. (2024). Climate change and health (WHA77.14). World Health Organization. https://apps.who.int/gb/ebwha/pdf_files/WHA77/A77_R14-en.pdf