„Wir arbeiten betätigungsorientiert, klient:innenzentriert und evidenzbasiert.“ Klingt professionell. Doch was steckt wirklich hinter diesen Begriffen? Fachbegriffe geben uns Orientierung – aber nur, wenn jeder im Team auch tatsächlich das gleiche meint. Manchmal sorgen sie im Alltag auch für stille Missverständnisse, wenn sie ungenau, verkürzt oder aus ihrem theoretischen Kontext gerissen verwendet werden. Ein genauerer Blick kann sich mitunter lohnen.
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Betätigungsorientierung: Mehr als alltagsnahe Übungen
Der Begriff „betätigungsorientiert“ wird oft verwendet, aber nicht immer präzise verstanden. Eine Übung ist nicht automatisch betätigungsorientiert, nur weil sie praktisch oder alltagsnah erscheint. Nach dem Occupational Therapy Practice Framework (OTPF-4) umfasst eine Betätigung nicht nur die Handlung selbst, sondern auch ihren Kontext, ihre Bedeutung und ihre Verbindung zu persönlichen Rollen und Lebensbereichen (AOTA, 2020).
Ein Greiftraining etwa kann eine sinnvolle Intervention sein. Die entscheidende Frage ist jedoch immer, ob es einer für die Person bedeutsamen Betätigung dient. Unterstützt das Training beispielsweise das selbstständige Ankleiden, das Zubereiten einer Mahlzeit oder die Ausübung einer wichtigen Rolle, entsteht ein klarer Bezug zur individuellen Lebenssituation.
Top-down-Ansätze beginnen bei der gewünschten Betätigung und analysieren, welche Fähigkeiten oder Umweltfaktoren dafür relevant sind. Bottom-up-Ansätze setzen zunächst bei einzelnen Körperfunktionen oder Fertigkeiten an, die für eine Betätigung benötigt werden. Beide Perspektiven können sinnvoll sein – entscheidend ist jedoch die bewusste Auswahl, fachliche Begründung und Verknüpfung mit den individuellen Zielen der Klient:innen.
Klientenzentrierung: Mehr als eine Haltung
Klientenzentrierung wird im Berufsalltag häufig als grundlegende therapeutische Haltung verstanden, zeigt sich jedoch vielmehr in konkreten Handlungsprinzipien. Sumsion (2000) beschreibt sie als aktive Beteiligung der Klient:innen an der Priorisierung von Zielen, die im Zentrum von Assessment, Intervention und Evaluation stehen.
In der Praxis bedeutet dies, therapeutische Entscheidungen gemeinsam zu entwickeln und die persönliche Expertise der Klient:innen über ihr eigenes Leben mit der fachlichen Expertise der Therapeut:innen zu verbinden. Ziele entstehen dadurch nicht ausschließlich aus professioneller Einschätzung, sondern im Dialog zwischen beiden Perspektiven.
Klient:innen sind dabei keine homogene Gruppe: Alter, kognitive Voraussetzungen, Kommunikationsmöglichkeiten, kultureller Hintergrund, persönliche Werte und Lebenssituation beeinflussen, welche Form und welches Ausmaß an Beteiligung im Einzelfall möglich und gewünscht ist. Klientenzentrierung bedeutet daher, diese individuellen Voraussetzungen aktiv zu berücksichtigen und Beteiligung entsprechend anzupassen, anstatt ein einheitliches Vorgehen auf alle Klient:innen zu übertragen.
Evidenzbasierte Praxis: Nicht nur Studienwissen
Auch der Begriff „evidenzbasiert“ wird häufig verkürzt verwendet. Evidenzbasierte Praxis bedeutet nicht, wissenschaftliche Studien einfach in die Praxis zu übertragen.
Nach Sackett et al. (2000) basiert evidenzbasierte Praxis auf drei gleichrangigen Elementen:
- der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz,
- der klinischen Expertise der Therapeut:innen,
- den individuellen Werten und Zielen der Klient:innen.
Erst das Zusammenspiel dieser drei Faktoren ermöglicht eine fundierte therapeutische Entscheidung.
Eine Intervention kann wissenschaftlich fundiert untersucht sein – sie ist damit jedoch nicht automatisch für jede Person sinnvoll. Entscheidend ist, ob sie zur individuellen Lebenssituation, zu den Therapiezielen und zur Bedeutung einer Betätigung passt. Evidenz muss daher immer kontextualisiert werden.
Clinical Reasoning: Mehr als Intuition
„Ich habe das einfach aus dem Bauch heraus entschieden.“ Dieser Satz fällt im therapeutischen Alltag häufig. Er beschreibt in der Regel jedoch keine willkürliche Entscheidung, sondern eine komplexe Einschätzung, die auf Erfahrung, Fachwissen und Beobachtung beruht.
Das sogenannte Bauchgefühl ist häufig die verdichtete Form von Clinical Reasoning. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Denkprozesse unsichtbar bleiben. Professionelles Handeln macht Intuition nachvollziehbar, ohne sie abzuwerten.
In Anlehnung an die Arbeiten von Mattingly und Fleming (1994), Rogers (1983) sowie Schell und Cervero (1993) werden in der ergotherapeutischen Literatur heute verschiedene Formen des Clinical Reasoning unterschieden:
- Prozedurales Reasoning: Welche fachlichen Maßnahmen sind angezeigt?
- Narratives Reasoning: Welche Bedeutung hat die Situation für die Lebensgeschichte, den Alltag und die Betätigungen der Person?
- Interaktives Reasoning: Wie gestalte ich die therapeutische Beziehung?
- Pragmatisches Reasoning: Welche Rahmenbedingungen, Ressourcen und organisatorischen Gegebenheiten beeinflussen die Therapie?
- Konditionales Reasoning: Wie könnten sich die Fähigkeiten, Betätigungen und Teilhabemöglichkeiten der Person im weiteren Verlauf entwickeln und welche therapeutischen Entscheidungen unterstützen diese Entwicklung am besten?
- Ethisches Reasoning: Welche Entscheidung ist unter ethischen Gesichtspunkten verantwortbar und entspricht den Werten und Bedürfnissen der Person?
Professionelles Clinical Reasoning verbindet diese unterschiedlichen Perspektiven zu einer fundierten therapeutischen Entscheidungsfindung. Aus einem vermeintlichen „Bauchgefühl“ wird so ein reflektierter, transparenter und fachlich begründbarer Entscheidungsprozess.
Output oder Outcome? Was Therapie tatsächlich bewirken soll
Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt zwischen Output und Outcome.
Der Output beschreibt die unmittelbar erbrachten therapeutischen Leistungen, beispielsweise die Anzahl der Behandlungseinheiten, die eingesetzten Interventionen, Beratungen oder Trainingsmaßnahmen. Der Outcome bezeichnet dagegen die Veränderungen, die durch die Therapie für die Klient:innen erreicht werden, etwa eine größere Selbstständigkeit, eine verbesserte Betätigungsperformanz, mehr Teilhabe oder die Wiederaufnahme wichtiger Rollen und Aktivitäten.
Der Erfolg einer Therapie bemisst sich daher nicht daran, wie viele Maßnahmen durchgeführt wurden. Entscheidend ist, ob diese Maßnahmen zu bedeutsamen Veränderungen im Alltag der Klient:innen beitragen.
Fachsprache als Werkzeug professioneller Ergotherapie
Fachbegriffe haben in der Ergotherapie eine wichtige Funktion. Sie ermöglichen den Austausch, geben Orientierung und verbinden Praxis mit wissenschaftlichen Konzepten. Fachsprache dient dazu, therapeutisches Denken sichtbar zu machen und gemeinsame Entscheidungen zu ermöglichen.
Damit Begriffe nicht zu leeren Formulierungen werden, lohnt sich im Team die regelmäßige Reflexion:
- →Was meinen wir konkret mit klientenzentriert?
- →Welche Betätigung steht hinter unserem Therapieziel?
- →Wie begründen wir unsere Entscheidungen?
- →Beschreiben wir in der Dokumentation Maßnahmen oder tatsächliche Veränderungen?
- →Nutzen wir Modelle als Denkwerkzeuge oder nur als Begriffe?
Präzise Sprache schafft bessere Kommunikation und stärkt dadurch die Qualität der Therapie. Qualität zeigt sich letztlich darin, wie gut das therapeutische Handeln das Leben der Klient:innen erreicht, unabhängig davon, welche Fachbegriffe wir dafür verwenden.
Fazit: Präzise Sprache schafft echte Klarheit
Fachsprache in der Ergotherapie ist ein Werkzeug. Sie kann verbinden oder trennen. Fachliche Klarheit ist daher die Grundlage professioneller Ergotherapie. Wenn Begriffe zu Buzzwords werden, verlieren sie ihre Orientierungskraft. Wenn therapeutische Entscheidungen ausschließlich mit „Bauchgefühl“ begründet werden, bleiben wichtige Denkprozesse unsichtbar. Erst durch regelmäßige Reflexion, gemeinsame Begriffsklärung und transparente Entscheidungswege entsteht echte Transparenz und ein gemeinsames professionelles Verständnis.
Quellen:
- American Occupational Therapy Association (2020). Occupational Therapy Practice Framework: Domain and Process (4th ed.).
- Mattingly, C., & Fleming, M. H. (1994). Clinical reasoning: Forms of inquiry in a therapeutic practice.
- Rogers, J. C. (1983). Clinical reasoning: the ethics, science, and art. American Journal of Occupational Therapy, 37(9), 601–616.
- Sackett, D. L., Rosenberg, W. M., Gray, J. M., Haynes, R. B., & Richardson, W. S. (1996). Evidence based medicine: what it is and what it isn't. BMJ, 312(7023), 71-72.
- Schell, B. A. B., & Cervero, R. M. (1993). Clinical reasoning in occupational therapy: An integrative review. American Journal of Occupational Therapy, 47(7), 605–610
- Sumsion, T. (2000). A revised occupational therapy definition of client-centred practice. British Journal of Occupational Therapy, 63(7), 304-309.