Geändert am 08.11.2008 04:59:00
Hallo "ET81" !
Zwar habe ich gerade eine große Flasche Eierliqueur ausgetrunken, die ich von einem Patient heute geschenkt bekommen habe für "treue Dienste", aber weil ich Deine Angst gut verstehen kann, will ich versuchen, so gut es geht, mich zusammenzureißen und zu antworten.
Die Angst um die wirtschaftliche Existenz geht überall um in Deutschland, vor allem in den kleinen Ergotherapiepraxen, die wie früher die "Tante-Emma-Läden" den aufkommenden Supermärkten nun den allerorts entstehenden Therapiezentren sich gegenüber sehen.
Der "Kuchen", der zu verteilen ist, schrumpft stetig. Andere Berufsgruppen, wie bspw. Psychologen, Psychotherapeuten, Logopäden, Pädagogen und Physiotherapeuten, wollen zunehmend ebenfalls von "unserem Kuchen" etwas abhaben und "tummeln" sich daher in "unserem Geschäft".
Bevor ich meine Berufsausbildung zum Ergotherapeut im Jahre 2002 begann, prophezeihte mir das Arbeitsamt eine rosige Zukunft. Doch dann kam die ehemalige Möchte-Gern-Marxistin Ulla Schmidt in "Amt und Würden" und zeigte ihr wahres Gesicht. Wohlhabende können sich nun Gesundheitsleistungen einkaufen, Minderbemittelte gehen leer aus.
Der Mann, der mir die Flasche Eierliqueur schenkte, bekam als Schlaganfallpatient bisher zwei Mal in der Woche Ergotherapie verordnet. Ab heute bekommt er NICHTS mehr verordnet, also auch der Physiotherapeut kam in dieser Woche zum letzten Mal. Ullalala Schmidt, die als "Schein-Sozi" sich ein fettes Ministereinkommen "ohne mit der Wimper zu zucken" vom einst so verhassten Kapitalisten-Staat aufs Konto überweisen lässt, sei "gedankt".
Den Weg in die Selbstständigkeit gehen viele Ergotherapeuten, nicht nur um "frei" in ihrer Arbeitsgestaltung zu sein, sondern weil der Arbeitsmarkt nicht genügend Stellen bietet und vor allem um eine bessere Arbeitsvergütung als all die vielen Lohnsklaven in unserer Berufssparte zu erzielen. In der Tat ist es schön, sein eigener Chef zu sein und nicht "nach Strich und Faden" ausgebeutet zu werden. Aber die Selbstständigkeit hat auch ihren Preis.
Bezahlte Urlaubs- und Krankheitstage gibt es nicht. Jetzt zur Sommerferienzeit entsteht im pädiatrischen Bereich einiger Leerlauf, der finanziell abzufedern ist. Auch ist der Arbeitstag lang, und nicht selten gehen Wochenenden mit Nachholterminen und Büroarbeiten d'rauf.
Auch kommt hinzu, dass die Unsitte, Termine ohne vorherige Absage nicht wahrzunehmen, zunimmt und dadurch unbezahlte Arbeitszeiten entstehen. Und es macht weder Spaß noch Sinn, das auf diese Weise entgangene Arbeitsentgelt bei der "werten Kundschaft" einzutreiben.
Obwohl mir meine Arbeit an sich sehr viel Freude bereitet und meinem Leben einen guten Sinn gibt, würde ich heute [d. h. unter den aktuellen Gegebenheiten im desolaten deutschen Gesundheitswesen] eine Ergotherapiepraxis in der Form eines gemieteten "Tante-Emma-Ladens", für den ich auch in schlechten wirtschaftlichen Zeiten die nicht gerade geringen Fixkosten aufbringen muss, nicht wieder als "Einzelkämpfer" eröffnen.
Sich allein auf ärztliche Verordnungen auf der Grundlage von Kassenrezepten zu verlassen, ist m. E. künftig für Kleinunternehmen nicht mehr tragfähig.
Um wenigstens einigermaßen kalkulieren zu können, bedarf es daher weiterer artverwandter Einkünfte, die nicht den "Zwischenhändler" Arzt bedürfen.
Wenn Du aber mit "Vitamin B" Dir langfristige Kooperationsverträge mit Ärzten und medizinischen Einrichtungen sichern kannst, mag die Welt wohl anders aussehen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Wer weiß, ob es in einigen Jahren eine "überlebensfähige" Ergotherapie, wie sie gegenwärtig in Erscheinung tritt, überhaupt noch geben wird ?
Selbstständigkeit würde für Dich dann auch der Aufwand bedeuten, über Jahrzehnte hinweg den Gesundheitsmarkt zu beobachten und Dich ihm anzupassen. Und schon jetzt ist es so, dass unzählige Ergotherapeuten, die freiberuflich arbeiten, stets und ständig auf der Suche sind nach Möglichkeiten, ihr Einkommen bspw. mit Angeboten aus dem Wellnessbereich oder aus dem Bereich der Pädagogik nachhaltig aufzubessern. Und da nehme ich mich selbst nicht aus.
Die Ergotherapie in "Reinkultur" im "Tante-Emma-Laden" an der Ecke wird m. E. künftig nicht mehr sein als eine verklärte romantische Vorstellung.
Daher rate ich Dir, "mehrere Eisen ins Feuer zu legen" oder Dich mit Leuten, die "aus Deinem Holz geschnitzt sind" und zugleich pädagogischen oder anderen therapeutischen Berufen angehören, zusammenzutun und in einer frei gewählten Unternehmensform interdisziplinär bzw. kompatibel zu arbeiten.
Ehrliche Antworten auf Deine Fragestellungen hast Du Dir gewünscht. Um eine solche Antwort aus meiner ganz persönlichen Sicht war ich bemüht.
Alles Gute für Deine berufliche Zukunft
wünscht Dir "deesemee".
Pädagogisch - Therapeutisches Institut DEESEMEE
[vormals Praxis für Ergotherapie, Lernförderung und Musikpädagogik in Abwicklung]
Kreuziger Mauer Nr. 22
D-59929 Brilon
praxis_brilon@yahoo.de
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NACHTRAG :
Liebe Kolleginnen !
Vielen Dank für die privaten E-Mails. Eure von Euch persönlich an mich gerichteten Fragen werde ich den nächsten Tagen gern beantworten. Ich bitte um etwas Geduld.
Herzliche Grüße zurück sendet Euch
"deesemee".
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Nachtrag:
Heute habe ich noch die Schreibfehler, die der Eierliqueur verursachte und die mir nach nochmaligem Lesen meiner Zeilen auffielen, korrigiert.
"deesemee".
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