Robotik, (Fully Immersive) Virtual Reality und mobile Anwendungen eröffnen der Menschheit große, neue Möglichkeiten. Doch können sie auch die Ergotherapie in der Schlaganfallrehabilitation sinnvoll ergänzen? Und worauf kommt es bei der Umsetzung an? Aktuelle Studien belegen: Die Technologien zeigen vielversprechende Wirkung, doch ihr Nutzen hängt stark von der praktischen Integration ab.
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Wenn jede Minute zählt
Der Schlaganfall gehört weltweit zu den häufigsten Ursachen für bleibende Behinderungen und stellt auch im Praxisalltag vieler Ergotherapeut:innen ein zentrales Arbeitsfeld dar. Ein großer Teil der Klient:innen lebt Monate nach dem Ereignis mit Einschränkungen in Bewegung, Kognition und Alltagskompetenz – häufig mit deutlichen Auswirkungen auf die Eigenständigkeit und Teilhabequalität im Alltag (Vásquez-Carrasco et al., 2025). Gerade deshalb rückt die Frage nach wirksamer, alltagsnaher und moderner Rehabilitation immer stärker in den Fokus.
Was moderne Technologien in der Therapie leisten können
Aktuelle Studien zeigen mehrere konkrete Potenziale für die ergotherapeutische Praxis:
- Verbesserung der Armfunktion durch robotergestütztes Training
Robotische Systeme wie Exoskelette oder Handschuhe ermöglichen wiederholte, geführte Bewegungen und können so gezielt die Funktion der oberen Extremität fördern (Thawisuk et al., 2025).
- Steigerung von Motivation und Beteiligung durch immersive virtuelle Umgebungen
Insbesondere Fully Immersive Virtual Reality schafft ein intensives Erleben von realistischen Handlungssituationen, was die aktive Mitarbeit und das Engagement der Klient:innen maßgeblich erhöhen kann (Lygouras et al., 2026).
- Feedbackbasiertes Üben zur Unterstützung motorischen Lernens
Durch unmittelbares visuelles oder sensorisches Feedback können Bewegungen intensiver angepasst werden, weil es das motorische Lernen gezielter unterstützt (Lygouras et al., 2026).
- Einblicke in kognitiv-perzeptive Fähigkeiten durch mobile Anwendungen
Der Einsatz von Apps ermöglicht es, während der Durchführung kognitive und wahrnehmungsbezogene Leistungen zu beobachten und Veränderungen im Therapieverlauf sichtbar zu machen (Cammarata et al., 2026).
- Intensive Wiederholung als Grundlage für Neuroplastizität
Technologien erleichtern hochfrequentes, strukturiertes Üben und schaffen wichtige Voraussetzungen für neuronale Anpassungsprozesse und Verbesserungen (Lygouras et al., 2026).
Insbesondere (Fully Immersive) Virtual Reality ermöglicht dabei das Erleben alltagsnaher Simulationen und kann den Transfer in reale Betätigungen zielgerichteter unterstützen – aber nur, wenn die Inhalte passend gestaltet sind.
Warum es in der Praxis hakt
Die Nutzung ist in der Praxis jedoch noch begrenzt. Anfängliche Skepsis lässt sich zwar durch fundierte Informationen abbauen, aber ohne praktische Erfahrung bleibt sie dennoch bestehen (Thawisuk et al., 2025). Barrieren sind dabei laut Thawisuk et al. (2025) etwa technische und organisatorische Herausforderungen sowie fehlende Erfahrungswerte und unzureichende Schulungen. Auch die hohen Kosten, fehlende Infrastruktur und Sicherheitsbedenken bei immersiven Systemen stellen für viele ein Problem dar (Lygouras et al., 2026). Rahmenbedingungen (etwa Arbeitsplatzrichtlinien und Ressourcen) sowie auch die Einbindung von Angehörigen und die technologische Kompetenz der Klient:innen bei der Nutzung digitaler Anwendungen haben einen Einfluss (Cammarata et al., 2026).
Bedeutung der Betätigungsorientierung
Eine zentrale Erkenntnis über alle Studien hinweg, ist, dass moderne Technologie in der Ergotherapie nur dann wirksam sein kann, wenn sie konsequent betätigungsorientiert eingesetzt wird. Dies bedeutet konkret, dass die modernen Anwendungen realistische, alltagsrelevante Aktivitäten abbilden müssen, auch kulturell angepasst sind und klar definierte, klientenzentrierte Ziele unterstützen und auch messen können (Lygouras et al., 2026). Robotergestützte Ansätze zeigen beispielsweise zwar motorische Verbesserungen, erfassen aber häufig nicht, ob diese tatsächlich auch zu mehr Selbstständigkeit im Alltag führen (Thawisuk et al., 2025). Kombinationen aus motorischen, kognitiven und technologischen Ansätzen zeigen dabei das größte Potenzial (Vásquez-Carrasco et al., 2025).
Was bedeutet das für die Ergotherapie?
Moderne Technologien können die Ergotherapie und ihren Handlungsspielraum revolutionär erweitern – aber nur, wenn sie systematisch in eine betätigungsorientierte und klientenzentrierte Versorgung eingebettet werden. Dies bedeutet:
- Technologie als Ergänzung verstehen
Digitale und robotische Tools unterstützen ergotherapeutische Anwendungen, ersetzen aber nicht die betätigungsorientierte Therapie.
- Betätigungsbezug sichern
Therapeutischer Erfolg bemisst sich nicht an isolierten Funktionsgewinnen, sondern an der Übertragbarkeit in alltagsrelevante Betätigungen. Der Transfer in die Lebensrealität der Klient:innen bleibt damit zentrales Qualitätskriterium (Thawisuk et al., 2025).
- Kompetenzen aufbauen
Die Implementierung technologiebasierter Interventionen erfordert spezifische fachliche und praktische Kompetenzen. Fortbildung, Supervision und wiederholte Anwendung sind zentrale Voraussetzungen für eine sichere und sinnvolle Nutzung (Thawisuk et al., 2025).
- Rahmenbedingungen aktiv gestalten
Die Integration neuer Technologien ist wesentlich abhängig von institutionellen Strukturen, finanziellen Ressourcen sowie klar definierten Abläufen. Ohne Organisation, Finanzierung und klare Systemunterstützung bleibt die nachhaltige Implementierung begrenzt.
- Klient:innen und deren Perspektive einbeziehen
Technologiegestützte Interventionen müssen an individuelle Fähigkeiten, Ziele und die Lebenswelt der Klient:innen angepasst werden, denn nur so kann die Akzeptanz und damit therapeutische Relevanz gewährleistet werden (Cammarata et al., 2026).
Fazit: Technologische Innovation braucht ergotherapeutische Rahmung
Robotik, (Fully Immersive) Virtual Reality und mobile Anwendungen haben großes Potenzial – insbesondere im Hinblick auf Intensität, Motivation, Wiederholungsrate und motorisches Lernen. Doch ihre Wirksamkeit entfaltet sich nicht automatisch durch den Einsatz der Technologie selbst, sondern durch ihre durchdachte Einbettung in ergotherapeutische Ziel- und Handlungslogiken. Entscheidend ist nicht, ob Technologien eingesetzt werden, sondern wie sie in betätigungsorientierte, klientenzentrierte und alltagsrelevante Therapieprozesse integriert werden können. Weitere Forschung muss hier vorangetrieben werden.
Quellen:
- Cammarata, M., Sangrar, R., Harris, J. E., Tang, A., & Vrkljan, B. (2026). Factors influencing the use of mobile applications for driving rehabilitation after stroke: exploring the perspectives of occupational therapists. ccupational Therapy In Health Care, 40O(1), 131-153.
- Lygouras, D., Tsinakos, A., Seimenis, I., & Vadikolias, K. (2026). Greek Occupational Therapists’ Perspectives on the Clinical Application of Fully Immersive Virtual Reality in Post-Stroke Upper Limb Rehabilitation: An Exploratory Qualitative Study. Virtual Worlds, 5(1), 4.
- Thawisuk, C., Inoue, K., Suyama, N., Miyadera, R., & Bunyawat, C. (2025). Perspectives of Occupational Therapists Toward Robot-Assisted Therapy for Stroke Survivors: A Scoping Review. Occupational Therapy In Health Care, 1-17.
- Vásquez-Carrasco, E., Jamett-Oliva, P., Hernandez-Martinez, J., Riquelme-Hernández, C., Villagrán-Silva, F., Branco, B. H. M., Sandoval, C., & Valdés-Badilla, P. (2025). Effectiveness of Occupational Therapy Interventions on Activities of Daily Living, Cognitive Function, and Physical Function in Middle-Aged and Older People with Chronic Stroke: A Systematic Review with Meta-Analysis. Journal of Clinical Medicine, 14(7), 2197.